Man kann über zeitgenössische Kunst streiten. Man kann Provokation als ästhetisches Verfahren betrachten, den Tabubruch als Erkenntnismethode interpretieren und selbst menschliche Exkremente zum Gegenstand einer kulturtheoretischen Betrachtung erklären. Was allerdings ein Schreiberling nicht tun darf, ist, einen protokollarischen Rundgang, heimtückisch zu missbrauchen. Doch genau dies geschah in Thills “Kulturbeitrag”

im Luxemburger Wort vom letzten September. Eigentlich sollte sich der Artikel der Ausstellung „Fiat Lux“ und dem Engagement von Stéphanie, der Frau des Grossherzogs , für das luxemburgische Kunsthandwerk in Venedig widmen. Doch in einem auffällig platzierten kolorierten Zusatzkasten lenkte Thill den Blick erneut auf den Luxemburger Biennale-Beitrag „La Merde“ mit dem Titel “Großherzogliches Interesse für ‚La Merde‘ “. Bereits diese Formulierung schreibt dem öffentlichen Paar eine bestimmte innere Haltung zu. Aus der Tatsache, dass Großherzog Guillaume und seine Frau Stéphanie während ihres Besuchs der Biennale auch am Luxemburger Pavillon Halt machten, resp. mussten, konstruiert Thill ein „Interesse für La Merde“.
Wenn der Hof die “merde” adeln soll
Fakt ist: Bei einem offiziellen Aufenthalt des Staatsoberhauptes und seiner Ehefrau gehört es zur protokollarischen Selbstverständlichkeit, den nationalen Pavillon zu besichtigen. Wer als offizielle Person den Ausstellungsstand betrachten muss und gequält lächelt, bekundet damit noch lange keine persönliche Zustimmung und schon gar keine besondere Begeisterung für den ausgestellten Haufen Sch….. Doch der selbsternannte “Kulturkritiker” Thill geht noch weiter mit dem Missbrauch der Präsenz der anwesenden Gäste und schlussfolgert, das großherzogliche Paar sei der Arbeit „mit sichtbar amüsiertem Interesse und einem Lächeln“ begegnet. Ein höfliches Lächeln bei einem offiziellen Termin wird zum Beleg eines tiefer gehenden Interesses erhoben. Aus protokollarischer Anwesenheit entsteht auf diese Weise eine vermeintliche kulturelle Parteinahme. Die fadenscheinige Behauptung eines „großherzoglichen Interesses“ stammt somit nicht von Stéphanie, sondern von Wort-Schreiberling Thill.
Wie das Wort aus Höflichkeit Begeisterung fabriziert
Populistischer Journalismus darf beschreiben, was geschehen ist: Das Paar besuchte den Luxemburger Pavillon. Es betrachtete die Installation. Es sprach möglicherweise mit den Verantwortlichen. Alles Weitere müsste durch ein Zitat, eine Stellungnahme oder eine andere eindeutige Quelle belegt werden. Tut es natürlich nicht. Ohne einen solchen Beleg bleibt die Behauptung eines besonderen Interesses eine glitschige Interpretation Thills. Gerade die Überschrift erzeugt den Eindruck, als habe sich das großherzogliche Paar „La Merde“ persönlich zu eigen gemacht. Der Großherzog und seine Frau werden dadurch in einen kulturellen Zusammenhang hineingezogen, den sie selbst weder gewählt noch öffentlich kommentiert hat.

Dreimal Thill, dreimal Merde. : Hofberichterstattung für einen Fäkalhaufen

Dass Thill nun bereits zum dritten Mal im Zusammenhang mit der Luxemburger Biennale auf „La Merde“ zurückgekommen ist, lässt seine Berichterstattung zunehmend wie eine persönliche Lobby-Kampagne zur kulturellen Aufwertung der Fäkalie erscheinen. Wiederholt werden dieselben kunsttheoretischen Rechtfertigungsformeln bemüht: Tabubruch, Scham, Körperkontrolle, gesellschaftliche Normierung, Ausgrenzung und die politische Kraft des Abjekten. So wird auch im Wort-Zusatzkasten die Merde mit großem theoretischem Ernst beschrieben. Im Mittelpunkt stehe laut Thill ein „anthropomorpher Kothaufen“, anhand dessen untersucht werde, „wie Gesellschaften Körper hervorbringen, formen und zugleich kontrollieren“. Der provozierende Gegenstand der Sch…..soll dadurch intellektuell geadelt werden. “Kulturjournalismus” besteht nicht darin, die Selbsterklärung eines Kunstbetriebs immer wieder ehrfürchtig weiterzureichen. Seine Aufgabe wäre, kritisch zu fragen, ob ein denkbar abstoßender Gegenstand durch einen Überbau aus modischen Begriffen künstlich monumentalisiert wird.
Ein anthropomorpher Kothaufen
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Exkremente Kunst sein können. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob

alles, was sich selbst als Tabubruch inszeniert, deshalb automatisch bedeutende Kunst ist. Der Verweis auf ein gesellschaftlich verdrängtes Thema ersetzt noch keine ästhetische Qualität. Ein anthropomorpher Kothaufen wird nicht allein dadurch tiefgründig, dass man ihn mit Begriffen wie „Normierung“, „Abjektion“, „Körperpolitik“ und „symbolische Ordnung“ zupudert. Mitunter verbirgt sich hinter einem aufgeblähten theoretischen Vokabular die Angst, eine geschmacklose, primitive Provokation als solche zu benennen. Thills Texte sind anbiedernde Begleitprosa des Kunstbetriebs. So entsteht ein geschlossener Kreislauf: Der Kunstbetrieb erklärt die Sch….. für gesellschaftlich relevant, der “Kulturjournalist” Thill übernimmt diese Behauptung , und die mediale Wiederholung wird anschließend als Beweis der Relevanz präsentiert.
Der Großherzog und seine Frau als unfreiwillige Werbeträger für La Merde
Besonders perfide, ja hinterhältig wird dieses Verfahren, wenn eine öffentliche Person als unfreiwilliges Gütesiegel eingesetzt wird. Die Überschrift „Großherzogliches Interesse für ‚La Merde‘“ versucht, dem Projekt eine symbolische Legitimation zu verschaffen. Der Staatschef und seine Frau befanden sich auf einem offiziellen Rundgang. Daraus eine persönliche Hinwendung zu einem Haufen menschlicher Exkremente abzuleiten, ist journalistisch und deontologisch niederträchtig und an Infamie kaum zu überbieten. Höflichkeit wird als Begeisterung verklickert, ihre Anwesenheit als Zustimmung und ihr Lächeln als kunstkritisches Urteil.
Publizistische Dauerschleifen über ein Kothaufen

Nach drei unappetitlichen, schmierigen und langatmigen Beiträgen im Wort drängt sich daher eine nüchterne Feststellung auf: Nicht die Frau des Großherzogs macht „La Merde“ zum bedeutenden Kulturereignis, sondern Lobbyist und Schreiberling Thill versucht es durch publizistische Wiederholung. Ein provozierender Titel wird wiederholt, mit akademisch klingenden Deutungen ausgestattet und schließlich in einen Bericht über Stéphanie und das luxemburgische Kunsthandwerk eingeschleust. Während Thill versucht zu erläutern, wie Gesellschaften Ausscheidungen aus dem öffentlichen Blickfeld verbannen, sorgt er selbst mit bemerkenswerter Ausdauer dafür, dass „La Merde“ im Luxemburger Wort keinesfalls aus dem Blickfeld verschwindet. So erweckt des Wort-Schreiberlings wiederholte Fixierung den Eindruck, als könne die Luxemburger Gegenwartskunst nur noch durch einen Fäkalhaufen internationale Bedeutung erlangen. Wer ein protokollarische Lächeln zur kulturellen Absolution umdeutet, verspielt definitiv seine restliche, journalistische Glaubwürdigkeit. Schreiberling Thill macht sich damit zum schäbigen Reklamegehilfen eines Kunstbetriebs, dessen Deutungen er kritisch prüfen müsste. Auch drei Wort-Beiträge machen aus einem Kothaufen noch kein Meisterwerk. Sie zeigen allenfalls, wie sich sog. “Kulturjournalismus” selbst in die Sch….. reiten kann.
