Wer im Norden Luxemburgs mit einem kranken oder verletzten Kind dringend medizinische Hilfe benötigt, kann je nach Situation vor einem erheblichen Problem stehen: Eine vollwertige pädiatrische Notfallversorgung rund um die Uhr gibt es am Centre Hospitalier du Nord (CHdN) nicht.

Für betroffene Familien kann dies lange Wege und zusätzliche Belastungen bedeuten. Mit einem kranken oder verletzten Kind bis zur Kannerklinik des Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL) nach Luxemburg-Stadt fahren zu müssen, ist nicht nur umständlich. Bei bestimmten akuten Situationen stellt sich auch die Frage nach der Zeit. Bei einem Fieberkrampf, einer stärkeren Blutung oder anderen möglicherweise zeitkritischen Symptomen können Eltern kaum selbst beurteilen, wie ernst die Situation ist und wie schnell spezialisierte medizinische Hilfe erforderlich wird.
Ein Problem mit längerer Vorgeschichte
Die Diskussion ist nicht neu. Im Jahr 2022 forderte die öffentliche Petition Nr. 2301 eine rund um die Uhr geöffnete Maternité und pädiatrische Notfallversorgung im Norden. Die Petition erhielt 4.657 gültige Unterschriften und überschritt damit die damals erforderliche Schwelle von 4.500 Unterschriften für eine öffentliche Debatte in der Abgeordnetenkammer.
Bei dieser Debatte wurde insbesondere der Mangel an medizinischem Personal, Ärzten und Kinderärzten als wesentliches Problem angesprochen.
Die pädiatrische Versorgung am CHdN wurde inzwischen mit einer „Pédiatrie de proximité“ ausgebaut. Diese bietet

täglich von 8 bis 20 Uhr eine Versorgung ohne Termin für Kinder mit leichten bis mittelschweren medizinischen Problemen an. Kinder, die mit dem Rettungswagen eintreffen, schwer erkrankt sind und stationär behandelt werden müssen oder sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden, können dort dagegen nicht versorgt werden und werden an die Kannerklinik verwiesen.
Nach dem jüngsten Jahresbericht des CHdN wurden Ende 2024 durchschnittlich 35 Kinder pro Tag in dieser neuen Struktur betreut. Dies zeigt, dass ein tatsächlicher Bedarf an einer wohnortnahen pädiatrischen Versorgung im Norden besteht.
Das Thema blieb auf der politischen Tagesordnung
Im Mai 2024 wurde das Thema erneut in einer parlamentarischen Anfrage aufgegriffen. Es ging unter anderem darum, weshalb das CHdN keine pädiatrische Notfallversorgung 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche gewährleisten könne. Dabei wurde auch auf Berichte verwiesen, wonach Kinder unter 16 Jahren selbst bei vergleichsweise kleineren Verletzungen, beispielsweise behandlungsbedürftigen Wunden, mit dem Rettungsdienst zur Kannerklinik gebracht würden.
Die Antwort der Gesundheitsministerin machte deutlich, dass hinter der heutigen Organisation nicht nur praktische und personelle Fragen stehen. Die „Pédiatrie de proximité“ am CHdN stellt rechtlich keinen pädiatrischen Notfalldienst im Sinne des Krankenhausgesetzes dar. Nach diesem Gesetz ist nur ein nationaler spezialisierter pädiatrischer Dienst vorgesehen, der an der Kannerklinik des CHL angesiedelt ist.
Eine Ausweitung der Öffnungszeiten der „Pédiatrie de proximité“ am CHdN war nach Angaben der Ministerin zu diesem Zeitpunkt nicht vorgesehen.
Im Oktober 2024 wurde die Frage erneut in der Abgeordnetenkammer aufgegriffen. Eine Motion forderte die Schaffung einer zweiten vollwertigen Pädiatrie am CHdN mit einem Betrieb rund um die Uhr. Diese Motion fand keine Mehrheit.
Auch eine Frage für die Kannerklinik?
Neben den längeren Wegen für Familien aus dem Norden stellt sich eine weitere Frage: Welche Auswirkungen hat die

Konzentration der spezialisierten pädiatrischen Notfallversorgung auf einen einzigen Standort?
Von Eltern wird teilweise über lange Warte- oder Aufenthaltszeiten an der Kannerklinik berichtet. Daraus allein lässt sich allerdings nicht schließen, dass die Kannerklinik generell überlastet ist.
Die Abläufe in einer pädiatrischen Notaufnahme müssen dabei berücksichtigt werden. Nach der administrativen Aufnahme wird das Kind zunächst durch eine spezialisierte Pflegekraft nach medizinischer Dringlichkeit eingestuft. Die Reihenfolge der ärztlichen Behandlung richtet sich nicht nach der Ankunftszeit, sondern nach dem Zustand des Kindes. Akute und lebensbedrohliche Fälle haben Vorrang.
Auch die gesamte Aufenthaltsdauer darf nicht mit der Wartezeit auf einen Arzt gleichgesetzt werden. Nach der ärztlichen Untersuchung können beispielsweise Blutuntersuchungen, Röntgenaufnahmen oder andere diagnostische Maßnahmen, eine Wundversorgung, eine Beobachtung oder eine weitere fachärztliche Beurteilung erforderlich sein.
Berichte über sehr lange Aufenthalte einzelner Familien sind deshalb ernst zu nehmen, reichen für sich genommen jedoch nicht aus, um eine generelle Überlastung festzustellen.

Umso interessanter wäre eine andere Frage: Könnte eine ausgebaute pädiatrische Versorgung im Norden einen Teil der weniger schweren Fälle wohnortnah übernehmen und dadurch neben kürzeren Wegen für die betroffenen Familien zugleich die zentrale Kannerklinik entlasten?
Nicht jedes Kind aus dem Norden, das heute in Luxemburg-Stadt behandelt wird, könnte selbstverständlich am CHdN versorgt werden. Schwere und komplexe Fälle benötigen weiterhin die spezialisierte Infrastruktur eines nationalen pädiatrischen Zentrums. Entscheidend wäre daher zu wissen, welcher Anteil der Fälle tatsächlich dezentral behandelt werden könnte.
Zeit für eine aktuelle Bilanz
Die Diskussion sollte deshalb nicht auf die einfache Forderung „eine zweite Kannerklinik für den Norden“ reduziert werden.
Eine sichere pädiatrische Notfallversorgung benötigt entsprechend qualifiziertes Personal und medizinische Infrastruktur. Der bekannte Mangel an Kinderärzten kann dabei ebenso wenig ignoriert werden wie die medizinischen Vorteile einer hoch spezialisierten zentralen Versorgung.
Umgekehrt sollte der Wohnort möglichst nicht darüber entscheiden, wie schnell ein krankes oder verletztes Kind eine angemessene medizinische Versorgung erreichen kann.
Mehrere Jahre nach der Petition und rund zwei Jahre nach den parlamentarischen Initiativen von 2024 wäre deshalb eine aktuelle Bilanz angebracht:
Wie hat sich die „Pédiatrie de proximité“ am CHdN bewährt? Wie viele Kinder werden dort behandelt und wie hat sich diese Zahl entwickelt? Wie viele Kinder aus dem Norden müssen weiterhin zur Kannerklinik nach Luxemburg-Stadt gebracht werden? Welche Erkrankungen und Verletzungen könnten im Norden behandelt werden, wenn zusätzliche Kapazitäten vorhanden wären?

Ebenso wäre interessant zu wissen, wie sich Patientenzahlen, Auslastung und Wartezeiten der Kannerklinik insbesondere während saisonaler Belastungsspitzen entwickeln. Welcher Anteil der dort behandelten weniger schweren Fälle könnte grundsätzlich wohnortnäher versorgt werden? Welche Erfahrungen machen Eltern, Kinderärzte, Krankenhäuser und Rettungsdienste?
Und schließlich stellt sich die entscheidende Frage: Welche personell und medizinisch realistischen Möglichkeiten bestehen, die pädiatrische Versorgung im Norden insbesondere außerhalb der bisherigen Versorgungszeiten weiterzuentwickeln?
Erst anhand solcher aktuellen Daten lässt sich seriös beurteilen, ob die heutige Organisation den Bedürfnissen der Bevölkerung ausreichend gerecht wird – oder ob Luxemburg bei der pädiatrischen Versorgung des Nordens nachbessern sollte.
Selena Mouni