Was geschieht mit feministischen Grundsätzen, wenn nicht irgendein Mann, sondern ein Mann aus dem eigenen Kulturmilieu, dazu noch ein Museums-Generaldirektor, im Zentrum eines Konflikts steht? Die Affäre um Enrico Lunghi, der vor laufender Kamera eine Journalistin angriff und ihr körperlichen Schaden zufügte, und die darauffolgende Reaktion Luxemburger “Feministinnen” werfen diese Frage heute schärfer auf denn je. Denn inzwischen liegt das definitive Urteil der Cour d’appel zugunsten des RTL-Teams und der aggressierten Journalistin vor.

Ainhoa Achutegui, die Direktorin des Kulturzentrums „Abtei Neumünster“, hat sich öffentlich nie vor dem Begriff „Feministin“ gescheut. Im März 2014 titelte das Luxemburger Wort mit ihrer Forderung: „Auch Männer sollten feministisch sein.“ Achutegui sprach über Alltagssexismus, über Männer, die Frauen ungefragt berühren, und verlangte mehr Solidarität unter Frauen. Im französischsprachigen Schwesterinterview wurde sie ausdrücklich als feministische Aktivistin vorgestellt. Dort erklärte sie sinngemäß, sie glaube an den Feminismus und an die Solidarität zwischen Frauen. Auch in einem weiteren Beitrag in sozialen Netzwerken wurde Achutegui erneut als feministische Aktivistin porträtiert. Ihre damalige Twitter-Biografie lautete: „Féminisme, politique et culture.“ Sie berichtete auch davon, Twitter für feministische Inhalte und Kommentare zu nutzen und auf Facebook in feministischen Gruppen aktiv zu sein.
Auch “Kunstkuratorin” Danielle Igniti präsentiert sich gerne und oft als eine der zentralen Figuren des Luxemburger

Feminismus. Frau Igniti betont als langjährige Präsidentin des Planning Familial gerne, sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte einzusetzen. Noch im März 2025 erklärte sie nicht ohne Selbstlob in einem Interview: „Et kämpft ee fir all Fraen.“ Das sind klare Maßstäbe zweier selbsternannter Feministinnen. Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück auf den Herbst 2016, als der Mann aus ihrem eigenen Kulturmilieu eine Journalistin tätlich angriff und verletzte.
Feminismus unter Freunden
Nach dieser Aggression des damaligen Mudam-Generaldirektors Enrico Lunghi gegenüber der RTL-Journalistin hatten Achutegui und Igniti schwarze Klappen auf den Augen und dicke Stöpsel in den Ohren. Der tätliche Angriff auf eine Frau wurde komplett ausgeblendet, und aus einem Angreifer wurde, deus ex machina, … ein bedauernswertes Opfer.

So berichtete das Luxemburger Wort am 6. Oktober 2016, Ainhoa Achutegui beklage ein regelrechtes „Mudam-Bashing mit tendenziösen Berichterstattungen, Leserbriefen, Diffamierungen“ und stellte dem die aus ihrer Sicht „exzellente Arbeit“ Lunghis gegenüber. Danielle Igniti bezeichnete die Sendung Nol op de Kapp als “ un petit montage télé dans une émission de merde qui n’a strictement rien à voir avec la culture”. Und beide Feministinnen unterzeichneten namentlich eine internationale Solidaritätserklärung „In support of Enrico Lunghi“.
Das Urteil zerlegt die Opferlegende
Diese Vorgeschichte erhält durch das Urteil der Cour d’appel vom 3. Juni 2026 besonderes Gewicht. Die Richter befassten sich mit dem Rohmaterial des Interviews und mit dem viel diskutierten Schnitt des Fernsehbeitrags und bezeichneten den Übergriff Lunghis auf die Journalistin als „agression“ .

Das Gericht kam außerdem hinsichtlich der journalistischen Berichterstattung zu dem Ergebnis, dass das Nol-op-de-Kapp-Team handelte, „sans qu’il n’y ait eu dépassement des limites de la liberté d’expression“. Die Journalisten wurden komplett freigesprochen.
Feminismus Sonntags geschlossen
Auf der einen Seite stand eine Journalistin, die nach einer Aggression durch einen einflussreichen Museums-Generaldirektor Gegenstand einer massiven öffentlichen Auseinandersetzung und Opfer einer Konspirationstheorie wurde die vor Gericht wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Auf der anderen Seite stand ein Generaldirektor aus dem eigenen Kulturmilieu, der gut vernetzt war und auf laute Applaudierer und Claqueure zählen konnte. Unter ihnen Achutegui und Igniti.

Feminismus gilt nicht nur am 8. März, am Weltfrauentag. Feministin ist nicht diejenige, die in Interviews, auf Sektgalas oder bei kamerabegleiteten Demos Plakate mit Kampfslogans in die Luft schwingt. Feministin ist man bzw. Frau vor allem auch dann, wenn die eigene Haltung, welche vielleicht die eigenen männlichen Netzwerke bevorzugt, kritisch

hinterfragt wird. Wer sich gegen männerdominierte Mechanismen engagiert, müsste auch erkennen, wenn die eigene Nähe zu einem prominenten, aggressiven Mann die Wahrnehmung beeinflusst hat. Selbstkritik ist kein Zeichen von Schwäche: Sie wäre hier der stärkste denkbare Beweis dafür gewesen, dass der Feminismus tatsächlich wichtiger ist als die eigene vorteilhafte Position. Ein Satz vonseiten der „Feministinnen“ hätte mehr bewiesen als hundert Weltfrauentage. Das wäre politische Größe, intellektuelle Redlichkeit und wahrer, gelebter Feminismus. Nicht der „Feminismus“ des moralischen Zeigefingers, sondern der schwierigere Feminismus, der auch den eigenen Irrtum aushält.
Feminismus mit doppeltem Bodem
Vielleicht lag das Problem am Ende nicht nur in mangelnder feministischer Erkenntnisfähigkeit, sondern in einer charakteriellen, menschlichen Regung: Eine attraktive, selbstbewusste Fernsehjournalistin eignet sich offenbar schlechter als Objekt weiblicher Solidarität denn als Projektionsfläche für Rivalität und Neid. Wäre die RTL-Journalistin eine unscheinbare “ graue Maus “ mit wenig vorteilhaftem Äussern gewesen, hätten Igniti und Achutegui den Angriff Lunghis womöglich leichter als das erkannt, was selbst die Cour d’appel darin sah: eine Aggression. So aber wurde der gut vernetzte Mudam-Generaldirektor zum bemitleidenswerten Opfer verklärt und die angegriffene Frau als “böse Hexe” fallengelassen.

Ein bemerkenswert selektiver Feminismus: lautstark am Weltfrauentag, erstaunlich kurzsichtig, sobald ein männlicher Kulturfreund einerseits und eine attraktive Frau andererseits den eigenen Solidaritätsreflex auf die Probe stellt.