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Justiz

Affaire Lunghi: Das Schweigen der Lämmer 

Affaire Lunghi: Das Schweigen der Lämmer
Chat/GTP

Zehn Jahre lang wurden die Journalisten Marc Thoma und Sophie Schram sowie der damalige RTL-CEO Alain Berwick wegen eines Interviews öffentlich kritisiert, an den Pranger gestellt, moralisch verurteilt und juristisch verfolgt. Zehn Jahre lang wurde der Eindruck vermittelt, als sei in der Affäre Lunghi ein schwerwiegendes, penales Delikt nachgewiesen worden. Die ALIA sprach einen Blâme aus. Der Conseil de Presse sprach einen Blâme aus. Verschiedene Schreiber in den Konkurrenzmedien erklärten RTL und die betroffenen Journalisten jahrelang zu Tätern, die zur Strecke gebracht werden müssten. Dass diese Schreiberlinge eng mit Lunghi verbunden waren und jegliche journalistische Objektivität und Fairness über Bord warfen, schien legitim.

Der vollständige Freispruch von Sophie Schram, Marc Thoma und Alain Berwick vor der Cour d’Appel markiert nicht nur das Ende eines zehnjährigen Verfahrens. Er wirft auch ein grelles Licht auf das Verhalten jener Institutionen, die sich damals als Gralshüter der journalistischen Deontologie, als moralische Richter über RTL aufspielten. Allen voran die ALIA und in ihrem Schlepptau der Conseil de Presse.

Und der Freispruch ist kein Freispruch mit den beliebten Einschränkungen von „aber“, „trotzdem“ oder „doch“ – es ist ein Freispruch erster Klasse. Ohne Wenn und Aber. Trotz  des Freispruchs   herrscht bei vielen damaligen Kritikern bemerkenswerte Zurückhaltung. Allen voran die Medienaufsicht ALIA. Man könnte fast von einem kollektiven Schweigen sprechen. Keine Selbstkritik. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Kein Wort zu ihrem Blâme, der über Jahre hinweg als moralische Keule gegen RTL und die betroffenen Journalisten benutzt wurde und beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Wo früher jeder Zwischenschritt gegen die RTL-Journalisten breite Schlagzeilen wert war, herrscht heute betretenes Schweigen. Wo früher jedes Detail seziert wurde, dominiert heute das Wegducken. Wo sind heute die Stellungnahmen jener Verantwortlichen, die damals keinen Zweifel kannten? Wo ist die Bereitschaft, einen Irrtum anzuerkennen?

Chat/GTP

 

Fakt ist: ALIA steht heute vor einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem.

Denn ausgerechnet jene Behörde, die Neutralität und Unabhängigkeit verkörpern soll, war schon damals mit Personen besetzt, deren Nähe und Freundschaft zu Enrico Lunghi kein Geheimnis waren. (In einer späteren Reportage  Analysen und Details zu diesen Personen.) Der eigentliche Skandal liegt darin, dass die ALIA bis heute nicht bereit ist, ihre damalige Rolle kritisch zu hinterfragen.

Zehn Jahre lang wurden RTL-Journalisten öffentlich an den Pranger gestellt. Zehn Jahre lang diente der ALIA-Blâme als

screenshot RTL

vermeintlicher Beweis dafür, dass RTL journalistisch unredlich gehandelt habe. Zehn Jahre lang wurde eine Hetzkampagne gepflegt, die nun vor dem Berufungsgericht vollständig zusammengebrochen ist.

Wer andere öffentlich rügt und an den Pranger stellt, muss selbst bereit sein, Rechenschaft abzulegen. Wer Journalisten Moral predigt, muss sich selbst an höchsten Standards messen lassen. Wer als öffentliche Institution einen Blâme ausspricht, muss die Größe besitzen, einzugestehen, dass sie grob und fahrlässig gehandelt hat.

Im Wort-Artikel vom 27.05.2023 unter dem Titel „Wer kontrolliert Fortnite, Metaverse und Co.?“ analysiert Chefredakteurin Ines Kurschat die Forderung, die Zuständigkeiten der ALIA auszubauen, und fragt: „Wer eine für die Demokratie so wichtige Kontrollfunktion ausübt, muss über jeden Zweifel an ihrer Unabhängigkeit erhaben sein. Wie unabhängig aber ist eine Behörde, deren Kontrolleure vom Medienminister ernannt werden? Und wie transparent? (…) Für journalistische Inhalte sieht sich der Presserat zuständig. Das führte bei der Affäre Lunghi, die derzeit vor Gericht verhandelt wird, zu zwei Gutachten, eines vom Presserat und eines von der ALIA.

Privat

Und diese zwei Gutachten – man könnte sie auch Zwillinge nennen – sind beide falsch. Die ALIA hat sich als „Richter“ aufgeblasen  und einen Blâme ausgesprochen, ohne die betroffenen Journalisten zu hören. Dann hat der Conseil de Presse als Trittbrettfahrer und Papagei denselben Fehler begangen und ebenfalls einen  quasi  identisch , diffamierenden Blâme ausgesprochen. Dass der Conseil de Presse mehrheitlich aus Journalisten und Verlegern der damaligen Konkurrenzpresse bestand und sich vielleicht die Frage einer objektiven Beurteilung der Causa Lunghi gestellt hätte, war irrelevant.

Fazit

Der eigentliche Skandal der Affäre Lunghi besteht heute nicht mehr nur im jahrelangen Verfahren. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass so viele direkte Akteure glauben, nach einem vollständigen Freispruch einfach zur Tagesordnung übergehen zu können. Als wäre nichts geschehen. Als hätte es die zehn verlorenen Jahre nie gegeben. Als wären beschädigte Karrieren, menschliche Schicksale, zerstörte Sendungen, persönliche Belastungen und öffentliche Vorverurteilungen bloß Randnotizen.

Doch so funktioniert ein Rechtsstaat nicht. Wer andere zur Rechenschaft zieht, muss selbst bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Und genau diese Verantwortung steht heute im Raum. Nicht bei den Freigesprochenen. Sondern bei jenen Institutionen und Entscheidungsträgern, die die RTL-Journalisten über Jahre hinweg schamlos und rücksichtslos öffentlich verurteilt haben.

privat

Das Schweigen der Lämmer muss aufgehoben werden. Nach dem Freispruch erster Klasse der betroffenen Journalisten dürften die Schuldigen nicht ungeschoren davonkommen.

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