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Gesondheet

Ernesto Fluni: Wenn die Nacht nicht mehr dunkel wird 

Ernesto Fluni: Wenn die Nacht nicht mehr dunkel wird
Image by Silviu on the street from Pixabay

Lärm gilt heute selbstverständlich als Umweltproblem. Für Straßenverkehr, Flugzeuge, Industrie oder nächtliche Veranstaltungen gibt es Grenzwerte, Schutzmaßnahmen und politische Diskussionen.

Bei einer anderen Form von Umweltbelastung ist die öffentliche Wahrnehmung deutlich geringer: beim künstlichen Licht.

Dabei genügt manchmal schon ein Blick aus dem Fenster oder eine Fahrt am späten Abend. Straßen und Kreuzungen sind beleuchtet, ebenso Parkplätze, Firmengebäude, Werbetafeln, Fassaden, Kirchen und Denkmäler. Hinzu kommen private Außenbeleuchtungen und dekorative Lichtquellen.

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Natürlich hat vieles davon einen Sinn. Niemand wird ernsthaft fordern, gefährliche Straßenkreuzungen, Fußgängerüberwege oder notwendige Zugänge nachts im Dunkeln zu lassen. Beleuchtung kann Sicherheit schaffen und Orientierung ermöglichen.

Aber daraus folgt nicht, dass jedes Licht zu jeder Zeit sinnvoll ist.

Vielleicht müsste die Frage deshalb weniger lauten, ob wir nachts beleuchten sollen, sondern vielmehr:

Was beleuchten wir, wie hell, wie lange – und warum?

Muss eine Fassade die ganze Nacht sichtbar sein?

Ein angestrahltes historisches Gebäude kann attraktiv aussehen. Eine Kirche oder ein Denkmal kann durch eine

Image by herryway from Pixabay

zurückhaltende Beleuchtung das Ortsbild prägen. Gerade am Abend, wenn noch Menschen unterwegs sind, kann dies durchaus zur Lebensqualität beitragen.

Aber gilt dasselbe noch um zwei oder drei Uhr morgens?

Wie viele Menschen betrachten zu dieser Zeit die Fassade einer Kirche oder eines öffentlichen Gebäudes? Und wenn kaum noch jemand unterwegs ist, welchen Zweck erfüllt die Beleuchtung dann?

Technisch wäre es heute relativ einfach, Beleuchtungszeiten dem tatsächlichen Bedarf anzupassen. Zeitschaltungen, intelligente Steuerungen, reduzierte Helligkeit und Bewegungsmelder eröffnen Möglichkeiten, die früher nicht oder nur mit größerem Aufwand bestanden.

Dabei geht es nicht darum, Ortschaften nachts vollständig abzuschalten. Es geht um die wesentlich banalere Frage, ob eine Beleuchtung noch einen vernünftigen Zweck erfüllt, wenn ihre potenziellen Betrachter längst schlafen.

Licht braucht ebenfalls Energie

Seit Jahren werden Bürger dazu aufgefordert, Energie bewusster einzusetzen. Wir sollen unnötige Beleuchtung ausschalten, effiziente Leuchtmittel verwenden und elektrische Geräte nicht ohne Grund laufen lassen.

Diese Überlegung sollte konsequenterweise nicht an der eigenen Haustür enden.

Allerdings wäre es zu einfach, Lichtverschmutzung ausschließlich als Energieproblem zu betrachten. Moderne LED-Beleuchtung benötigt wesentlich weniger elektrische Energie als ältere Beleuchtungstechniken.

Gerade dieser technische Fortschritt kann jedoch einen paradoxen Effekt haben: Wenn Licht billig und energiesparend geworden ist, besteht weniger Anlass, darüber nachzudenken, ob es überhaupt benötigt wird.

Eine sparsame Lampe, die unnötig leuchtet, bleibt eine unnötig leuchtende Lampe.

Und ökologisch betrachtet ist nicht allein entscheidend, wie viel Strom sie verbraucht.

Auch Tiere brauchen die Dunkelheit

Der natürliche Wechsel zwischen Tag und Nacht existiert seit Jahrmillionen. Tiere und Pflanzen haben sich daran angepasst.

Künstliches Licht greift in diese Rhythmen ein.

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Besonders offensichtlich ist dies bei Insekten. Viele nachtaktive Insekten werden von künstlichen Lichtquellen angezogen. Statt Nahrung zu suchen oder sich fortzupflanzen, umkreisen sie Lampen, verbrauchen dabei Energie oder werden leichte Beute.

Auch Fledermäuse können auf Beleuchtung reagieren. Bei Vögeln kann künstliches Licht Orientierung und Verhalten beeinflussen. Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Tierart, Lichtfarbe, Intensität und Umgebung.

Deshalb ist nicht jedes Licht ökologisch gleich problematisch. Eine schwache, nach unten gerichtete und zeitlich begrenzte Beleuchtung ist etwas anderes als ein heller Strahler, der die ganze Nacht Gebäude, Bäume und den Himmel mitbeleuchtet.

Damit wird Lichtverschmutzung zu einem klassischen Umweltproblem: Die einzelne Lampe erscheint unbedeutend. Erst die Summe vieler Lichtquellen verändert die nächtliche Umwelt.

Photo de Jonathan Cooper: https://www.pexels.com/fr-fr/photo/guirlandes-lumineuses-pres-d-un-mur-de-briques-13655239/

Solar bedeutet nicht automatisch ökologisch

Das betrifft auch den privaten Bereich.

Solarlampen für Garten und Terrasse werden häufig als besonders umweltfreundliche Beleuchtung wahrgenommen. Aus energetischer Sicht ist das nachvollziehbar. Die benötigte Energie wird tagsüber durch eine kleine Solarzelle gewonnen.

Für ein nachtaktives Insekt ist die Herkunft des Stroms allerdings ziemlich bedeutungslos.

Es sieht Licht.

Auch eine Solarlampe kann deshalb zur nächtlichen Aufhellung beitragen oder Tiere beeinflussen. Das bedeutet nicht, dass nun jede kleine Gartenlampe zum Umweltproblem erklärt werden muss. Es zeigt lediglich, dass „energiesparend“ und „ökologisch unbedenklich“ nicht dasselbe sind.

Wenn das Licht des einen im Schlafzimmer des anderen landet

Bei Lichtverschmutzung geht es jedoch nicht nur um Energie und Tiere. Künstliches Licht kann auch ganz unmittelbar zur Belästigung für Menschen werden.

Besonders deutlich wird das dort, wo intensive Außenbeleuchtung nicht auf das eigene Grundstück begrenzt bleibt. Helle Fassadenstrahler, Leuchtreklamen oder ständig wechselnde farbige Lichtquellen können weit über das Gelände eines Geschäfts, Restaurants oder Nachtlokals hinaus sichtbar sein.

Problematisch wird es spätestens dann, wenn dieses Licht bis in benachbarte Wohnungen und Schlafzimmer fällt.

Dabei muss es sich nicht einmal nur um einen einzelnen besonders hellen Strahler handeln. Eine Fassade kann mit mehreren Lichtquellen ausgestattet sein, während andere Leuchten fortwährend ihre Farbe wechseln – beispielsweise von Rot zu Blau und wieder zurück.

Was für den Betreiber vielleicht als auffällige Gestaltung oder Werbung gedacht ist, kann für jemanden, der gegenüber wohnt und schlafen möchte, eine völlig andere Wirkung haben.

Bei Lärm erscheint uns dieser Zusammenhang selbstverständlich. Musik wird nicht dadurch zur Privatsache eines Lokals, dass sich die Lautsprecher auf dessen eigenem Grundstück befinden. Entscheidend ist auch, was bei den Nachbarn ankommt.

Warum sollte man Licht grundsätzlich anders betrachten?

Die Grundstücksgrenze hält Licht ebenso wenig auf wie Lärm.

Wenn die Fassade um die Aufmerksamkeit des Autofahrers wirbt

Sehr helle oder ständig wechselnde Beleuchtung wirft noch eine weitere Frage auf: die Verkehrssicherheit.

Befindet sich eine solche Lichtquelle an einer Haupt- oder Landstraße, kann sie die Aufmerksamkeit von Autofahrern auf sich ziehen. Besonders intensive Strahler können blenden, während auffällige Farbwechsel geradezu dafür geschaffen sind, wahrgenommen zu werden.

Bei Werbung ist das schließlich ihr Zweck.

Für einen Autofahrer ist Aufmerksamkeit allerdings eine begrenzte Ressource. Sein Blick sollte möglichst dort bleiben,

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wo er benötigt wird: bei der Straße, anderen Verkehrsteilnehmern, Fußgängern und Verkehrszeichen.

Deshalb erscheint es durchaus sinnvoll, bei Außenbeleuchtung nicht nur nach Energieverbrauch oder Ästhetik zu fragen, sondern auch danach, ob sie Verkehrsteilnehmer blenden oder unnötig ablenken kann.

Wenn Weihnachten wie ein Einsatzfahrzeug aussieht

Manchmal bekommt das Problem sogar eine beinahe komische Seite.

Eine blau blinkende Weihnachtsbeleuchtung am Straßenrand kann aus dem Augenwinkel erstaunlich überzeugend wirken.

Plötzlich wird der Autofahrer aufmerksam.

Polizei?

Krankenwagen?

Feuerwehr?

Man sucht nach dem vermeintlichen Einsatzfahrzeug – und entdeckt schließlich die Ursache.

Kein Unfall.

Kein Einsatz.

Weihnachten.

Das mag eine harmlose Anekdote sein. Sie zeigt aber, dass Farbe und Bewegung einer Lichtquelle unsere Aufmerksamkeit beeinflussen können.

Man muss deshalb sicherlich nicht die Weihnachtsbeleuchtung so lange reglementieren, bis nur noch drei warmweiße Lämpchen am Adventskranz erlaubt sind.

Ein wenig Nachdenken darüber, was unmittelbar neben einer Straße blau blinkt, dürfte trotzdem nicht schaden.

Mehr Licht bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit

Ein häufiges Argument für Außenbeleuchtung ist die Sicherheit.

Das ist in vielen Fällen berechtigt. Ein gut beleuchteter Hauseingang, eine Treppe, ein Fußweg oder ein tatsächlich benutzter Parkplatz können Unfälle verhindern und das Sicherheitsgefühl erhöhen.

Trotzdem stellt sich auch hier die Frage, ob dauerhafte Beleuchtung immer die beste Lösung ist.

Bei privaten Grundstücken oder wenig frequentierten Bereichen können Bewegungsmelder Licht genau dann einschalten, wenn es tatsächlich benötigt wird. Danach wird es wieder dunkel.

Auch hier lautet die Alternative also nicht zwangsläufig „Licht oder kein Licht“, sondern eher „dauerhaftes Licht oder bedarfsgerechtes Licht“.

Es hat sich bereits einiges verändert

Bei aller Kritik wäre es falsch, den Eindruck zu erwecken, nachts würde überall bedenkenlos Licht verschwendet.

Wer genauer hinsieht, kann auch das Gegenteil beobachten. Viele Geschäfte schalten ihre Schaufenster- und Innenbeleuchtung nach Geschäftsschluss inzwischen aus. Auch manche Supermarktparkplätze, die früher nachts beleuchtet waren, bleiben nach Geschäftsschluss dunkel.

Das ist eigentlich naheliegend.

Wenn der Supermarkt geschlossen und der Parkplatz leer ist, muss eine große Asphaltfläche nicht unbedingt die ganze Nacht beleuchtet werden.

Solche Beispiele zeigen zugleich, dass sich bereits etwas verändert hat.

Auch öffentliche Beleuchtungsanlagen werden modernisiert, und die Problematik der Lichtverschmutzung ist den

Image by ramdanidjamel from Pixabay

zuständigen Stellen längst nicht mehr unbekannt.

Das Thema sollte deshalb nicht zu einem neuen Wettbewerb werden, bei dem die nächste alltägliche Tätigkeit zum Umweltskandal erklärt wird.

Eine beleuchtete Kirche ist nicht automatisch ein ökologisches Desaster. Eine Gartenlampe macht ihren Besitzer nicht zum Feind der Artenvielfalt. Und niemand sollte nachts mit einer Taschenlampe durch die Ortschaft schleichen müssen, damit die Statistik der Lichtemissionen stimmt.

Es geht vielmehr um Verhältnismäßigkeit.

Das richtige Licht am richtigen Ort zur richtigen Zeit

Vielleicht lässt sich die gesamte Diskussion auf einige einfache Fragen reduzieren.

Brauchen wir dieses Licht?

Brauchen wir es die ganze Nacht?

Muss es so hell sein?

Muss es blinken oder ständig die Farbe wechseln?

Leuchtet es tatsächlich nur dorthin, wo es gebraucht wird?

Dringt es auf andere Grundstücke oder in Wohnungen ein?

Kann es Verkehrsteilnehmer blenden oder ablenken?

Könnte es später gedimmt oder ausgeschaltet werden?

Und welche Auswirkungen hat es auf Menschen und Tiere?

Damit wäre Lichtverschmutzung kein Kampf gegen Beleuchtung. Es wäre vielmehr der Versuch, Licht ebenso selbstverständlich als Umweltfaktor zu betrachten wie Lärm oder Energieverbrauch.

Denn Dunkelheit ist nicht einfach die Abwesenheit von etwas, das wir noch nicht ausreichend installiert haben.

Auch Dunkelheit gehört zu unserer Umwelt.

Vielleicht sollten wir ihr nachts gelegentlich wieder etwas mehr Platz lassen.

Ernesto Fluni

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