Karl ist heute ein skeptischer Mensch. Das war nicht immer so gewesen. Früher vertraute er Ärzten blindlings. Immerhin waren es Hochgelehrte, Autoritätspersonen mit weißem Kittel, auch bekannt als die „Götter in Weiß“. Wer wäre Karl gewesen, an den Göttern zu zweifeln?
Dann lernte er das Gesundheitssystem leider von seiner Schokoladenseite kennen.
Angefangen hatte es mit diesen merkwürdigen Abrechnungen. Da tauchte plötzlich bei fast jedem Arztbesuch ein CP1 auf. Karl fragte nach, was das sei. Man erklärte ihm sinngemäß, das sei für den Termin. Also zahlte er dafür, dass er einen festen Termin hatte, obwohl der Arzt ausschließlich auf Termin arbeitete. Nach Ansicht der Patientenvertretung durchaus fragwürdig. Gleichzeitig wunderte er sich über CP8 beim Zahnarzt, das regelmäßig für Kompositfüllungen verrechnet wurde. Seit Jahrzehnten wurde darüber diskutiert, geändert wurde allerdings ungefähr so viel wie an den ägyptischen Pyramiden.
„Sei auf der Hut, alter Junge“, pflegte Karl zu sagen. „Du weißt doch, dass bei manchen Ärztestreiks die Sterberate sogar gesunken sein soll. Das hat man unter anderem in Israel beobachtet.“ Ob die Geschichte so ganz stimmte, wusste er nicht. Aber sie passte hervorragend zu seiner Stimmung.
Auch sein Hausarzt trug zu dieser Entwicklung bei. Karl wollte eines Tages eine Rechnung sehen.
„Welche Rechnung?“, fragte die Sekretärin. „Das geht doch alles direkt über PID an die Krankenkasse.“
„Ja, aber ich möchte wissen, was abgerechnet wurde.“
Die Sekretärin schaute ihn an, als hätte Karl nach dem Geheimrezept von Coca-Cola gefragt.
Karl fand es bemerkenswert. Bei jedem Einkauf im Supermarkt bekam er ungefragt einen Kassenzettel. Kaufte er einen Schraubenzieher für 2,95 Euro, erhielt er einen detaillierten Nachweis. Ließ er sich medizinisch behandeln, musste er teilweise mit Nachdruck darum bitten, überhaupt zu erfahren, was verrechnet worden war. Offenbar genossen Schraubenzieher in Luxemburg einen besseren Verbraucherschutz als Patienten.
Von einer Bekannten hörte er eine Geschichte, die er zunächst für einen Scherz hielt. Nach einem Zahnarztwechsel zog der neue Zahnarzt plötzlich allerlei seltsame Dinge aus einem Zahn: rosa Watte, blaue Watte, grüne Watte und gelbe Watte. Fast sah es aus wie eine misslungene Karnevalsdekoration.
Der Zahnarzt legte die bunten Knäuel nebeneinander auf den Tisch, schüttelte den Kopf und fragte: „Wer hat denn da gebastelt?“
Die Bekannte wusste es natürlich.
„Mein alter Zahnarzt.“
„Dann war das wohl eher ein Hobbykeller als eine Praxis. Befasst sich der Typ auch mit Makramee?“
Karl musste lachen, als er die Geschichte hörte. Später fragte er sich allerdings, ob sie vielleicht gar nicht so lustig war.
Eigene Erfahrungen hatte er ebenfalls genug gesammelt. Ein Zahnarzt bohrte ihm einst einen gesunden Backenzahn auf und setzte eine Füllung ein. Beweisen konnte Karl nie, dass der Eingriff unnötig gewesen war. Aber der Zahn ist heute weg. Der Zahnarzt übrigens auch. Beide gingen vermutlich ungefähr zur gleichen Zeit in Pension.
Dieser Zahnarzt hatte übrigens einige kostspielige Hobbys. Er war passionierter Jäger, was Karl bereits etwas stutzig machte. Noch mehr beeindruckte ihn jedoch die Sammlung seiner Prestige-Autos. In der Garage standen unter anderem ein alter Bentley, ein Rolls-Royce Silver Shadow, ein Jaguar E-Type und ein Mercedes 600. Besonders stolz war er aber auf seinen schwarzen Packard mit Trittbrettern. Das Auto sah aus, als würde jeden Moment Al Capone aussteigen und nach einer Wurzelbehandlung fragen. Gefahren wurden die Fahrzeuge kaum. Sonntags wurden sie gewienert.
Manchmal stellte Karl sich vor, wie der Zahnarzt vor seiner Garage stand, liebevoll über den Lack seines Bentley strich und dabei an die vielen Zähne dachte, die er im Laufe seines Lebens angebohrt, fragwürdig repariert, aber stets ordnungsgemäß verrechnet hatte. Natürlich waren das nur Karls Gedanken. Allerdings drängten sie sich ihm förmlich auf.
Ein anderer Zahnarzt war zunächst hochkompetent. Später entwickelte er allerdings eine bemerkenswerte Begeisterung für teure Inlays. Das Labor befand sich praktischerweise im Erdgeschoss desselben Gebäudes. Morgens wurden dort vermutlich Brötchen gebacken, nachmittags Plastikinlays. Karl hatte den Verdacht, dass eine normale Füllung genauso lange gehalten hätte. Jedenfalls waren die Dinger teuer, und die Krankenkasse zeigte wenig Begeisterung, sich daran zu beteiligen.
Beim Dermatologen wurde es ebenfalls interessant. Der Arzt betrachtete einen harmlosen braunen Fleck am Finger drei Sekunden lang und verschrieb ein Medikament. In der Apotheke öffnete die Mitarbeiterin die Originalverpackung, schüttete die Tabletten in ein neutrales Glas und warf den Beipackzettel weg.
„Moment“, sagte Karl. „Den möchte ich haben.“
„Geht nicht.“
„Wieso?“
„Der Arzt hat auf Lateinisch”sine confectione” auf das Rezept geschrieben.“
„Und was bedeutet das?“
„Dass wir Ihnen nicht sagen dürfen, was Sie bekommen.“
Karl war sich ziemlich sicher, dass das völliger Unsinn war. Dennoch wurde die Erklärung mit einer solchen Überzeugung vorgetragen, dass sie fast wissenschaftlich wirkte.
Er rief beim Arzt an.
„Was haben Sie mir eigentlich verschrieben?“
Der Arzt antwortete ohne zu zögern:
„17α,21-Dihydroxypregna-1,4-dien-3,11,20-trion.“
Karl schwieg.
Er schluckte.
Holte tief Luft.
Und sagte schließlich:
„Sie wissen also selbst nicht, was dieser Fleck ist und verschreiben vorsorglich einfach ein Kortisonpräparat?“
Auch der Datenschutz wurde in manchen Praxen kreativ ausgelegt. Beim letzten Zahnarztbesuch verlangte die Assistentin nicht nur die Krankenversicherungskarte, sondern auch den Personalausweis. Danach wurde der Ausweis kopiert und zusätzlich noch eingescannt.
„Wozu brauchen Sie die Kopie?“
„Zur Identifikation.“
„Sie haben mich doch bereits identifiziert.“
„Ja.“
„Warum kopieren Sie ihn dann?“
„Damit wir später noch einmal nachschauen können, wen wir identifiziert haben.“
Karl beschloss, diese Logik lieber nicht weiter zu hinterfragen.
Besonders modern war eine Gemeinschaftspraxis von Allgemeinmedizinern, die großen Wert auf Digitalisierung legte. Vor einem Termin erhielt Karl drei E-Mails, fünf SMS, zwei automatische Telefonanrufe und eine schriftliche Erinnerung per Post.
Als er pünktlich erschien, erklärte die Empfangsdame:
„Sie sind leider nicht erschienen.“
„Aber ich stehe doch vor Ihnen.“
„Das mag sein. Im Computer gelten Sie trotzdem als abwesend.“
„Und was bedeutet das?“
„Dass wir Ihnen leider einen verpassten Termin berechnen müssen.“
Karl musste zugeben: Das war Digitalisierung auf höchstem Niveau. Der Mensch war anwesend, die Datenlage dagegen nicht.
Im Krankenhaus erreichte die Sache schließlich ihren Höhepunkt. Karl sollte am kleinen Zeh operiert werden. Nur ein kleiner Eingriff. Auf dem Schild an seinem Bett stand jedoch Kreuzbandoperation. Auf dem Bett seines Zimmernachbarn stand Operation am kleinen Zeh.
Die beiden Patienten betrachteten ihre Schilder.
Dann betrachteten sie sich gegenseitig.
Dann wieder die Schilder.
„Wollen wir tauschen?“, fragte der Zimmernachbar.
Karl lehnte dankend ab.
Kurz darauf erschien eine Schwester.
„Sind Sie Herr Karl? Geburtsdatum?“
Karl antwortete.
„Gut, alles klar.“
„Weshalb fragen Sie das alles noch einmal?“
„Zu Ihrer Sicherheit.“
„Aber Sie haben mein Armband kontrolliert, die Krankenkarte eingelesen und meinen Ausweis kopiert.“
„Ja.“
„Und trotzdem sind die Schilder an den Betten vertauscht.“
Die Schwester nickte ernst.
„Da sehen Sie selbst, Herr Karl. Man kann nie vorsichtig genug sein.“
Ein anderes Mal wurde Karl erneut an die Bedeutung des Datenschutzes erinnert. Gerade hatte er in einer Gemeinschaftspraxis eine mehrseitige Datenschutzerklärung unterschrieben, als die Assistentin quer durch den Wartesaal rief:
„Herr Karl! Bitte zur Hoden-Echografie in Zimmer 4!“
Schlagartig wurde es still.
Eine ältere Dame ließ ihre Zeitschrift fallen.
Ein Kind fragte seine Mutter:
„Mama, was ist eine Hoden-Echografie?“
Die Mutter antwortete:
„Iss einfach deinen Keks.“
Karl erhob sich langsam.
„War das nicht vertraulich?“
„Natürlich“, sagte die Assistentin. „Deshalb habe ich Ihren Nachnamen auch nicht genannt.“
Seitdem geht Karl nur noch mit einer gesunden Portion Misstrauen zum Arzt. Nicht weil alle Ärzte schlecht wären. Viele sind hervorragend. Aber Karl hat gelernt, dass man nie genau weiß, ob man gerade einem Mediziner, einem Buchhalter, einem Datenschützer, einem Verkäufer oder einem kreativen Heimwerker gegenübersitzt. Und genau deshalb bleibt er wachsam. Gesundheit ist schließlich zu wichtig, um sie ausschließlich den Experten zu überlassen.
Ernesto Fluni