Fast ein Jahrzehnt lang blieb die Rollenverteilung bei den LAND-Schreibern in der Causa RTL-Lunghi bemerkenswert konstant – Lunghi als Opfer, RTL als Täter. Denn liest man die LAND-Berichterstattung heute als Ganzes, fällt auf, dass die Rollen klar verteilt waren: hier Enrico Lunghi als Opfer eines „lynchage“, eines manipulierten Fernsehbeitrags und politischer Folgen; dort RTL, Alain Berwick, Sophie Schram und Marc Thoma als Vertreter eines Journalismus, der angeblich skandalisiere, manipuliere und populistisch arbeite.
Aus einer umstrittenen Interpretation wurde durch x-malige Wiederholung im LAND eine redaktionelle Gewissheit. Das Vokabular ließ keinen Zweifel offen: „grossier montage / montage douteux / méthodes de montage douteuses / montage biaisé et totalement à charge / tombé dans le panneau d’un montage trafiqué / öffentlich gelyncht und von Bettel direct kaltgestellt / abus de pouvoir / assassinat médiatique/ effets néfastes et prouvés d’un systeme pervers / la diffamation arbiraire et infondée produite par une chaîne de medias privée / suite à l’instrumentilisation d’une interview du directeur du Mudam par une collaboratrice de RTL Télé Lëtzebuerg “ … Je häufiger solche Behauptungen in den LAND Artikeln wiederholt wurden, desto stärker wirkten sie wie die vorab fixierte Wahrheit eines Mediums.

Romain Hilgert: Urteil ohne Richter
Besonders deutlich tritt diese Haltung in Hilgerts Artikel „Vom Unglück“ vom 9. Dezember 2016 hervor. Er nutzt die Causa RTL-Lunghi für eine Generalabrechnung mit „Den Nol op de Kapp“. „Dumpfer Poujadismus“ und „neoliberaler Staatsfeindlichkeit“ sind nur zwei von zahlreichen Etiketten Hilgerts für den „Nol“. Damit gerät die Analyse eines konkreten Beitrags zur ideologischen Abqualifizierung einer ganzen journalistischen Arbeit. Hilgert verfasste den verleumderischen Text bereits zu einem Zeitpunkt, als die juristische Auseinandersetzung in der Causa RTL-Lunghi gerade begonnen hatte. Die Methode Hilgerts lässt sich auf vier Verben verdichten: „etikettieren, delegitimieren, beleidigen, verurteilen“.

Josée Hansen: Die fabrizierte Gewissheit
Hansen hatte die Grundmelodie bereits vorgegeben. Im LAND-Artikel „Abus de pouvoir“ vom 25. November 2016 schreibt sie: „Et le tout pour une affaire qui semble surtout la conséquence d’un abus de pouvoir“ (…) „De Nol op de Kapp, un montage biaisé et totalement à charge d’Enrico Lunghi“. (…) „Beaucoup de gens, téléspectateurs, politiques et journalistes de RTL, l’estiment poujadiste, populiste, voire démagogique, mais les taux d’audience élevés et l’amitié personnelle qui lie Marc Thoma à Alain Berwick lui ont toujours sauvé la peau.“ (…) „Ici, c’est la vox populi prise à témoin et manipulée pour des rengaines personnelles.“
Weitere Hetzschriften aus Hansens Feder trugen immer denselben Ton: “un montage douteux” resp. “méthodes de montage douteuses“. Ein gutes Beispiel dafür, wie publizistische Sedimentierung funktioniert: Eine Meinung wird wiederholt, die Wiederholung wird zur Erinnerung, und die Erinnerung schließlich zur Tatsache. Die Autoren wechseln; die Grundgeschichte bleibt.
Michèle Sinner: 180 Grad- Seitenwechsel inklusive
Besonders heikel erscheint im Rückblick die Rolle von Michèle Sinner als LAND-Journalistin. In ihrem Artikel

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ vom 5. Oktober 2018 wird Lunghi als jemand dargestellt, der nach dem Streit mit RTL “öffentlich gelyncht“ und politisch kaltgestellt worden sei. Sinner verteilt die moralischen Rollen: Es gibt den Gejagten – und es gibt die Meute. Das fügt sich nahtlos in die bereits etablierten LAND-Erzählungen ein. Doch nachdem Sinner im LAND die “Lynch-These” verbreitet hatte, wechselte sie – nach einem Aufenthalt bei 100,7 – ausgerechnet zum vermeintlichen Täter-Medium: ein Prinzipienwechsel um 180 Grad. Doch damit nicht genug: Nach diesem pikanten Frontwechsel übernimmt Frau Sinner alsbald – ohne Hemmung – bei RTL die Rolle der Gerichtsreporterin … in der Causa Lunghi! Eine publizistische Volte, die kaum drastischer ausfallen könnte.
Pierre Sorlut: Semantik der Schuld
Pierre Sorlut verwendet im Artikel „Contrat sans concession“ vom 6. September 2019 Begriffe wie „fuite en 2016 en marge du scandale Lunghi-Schram“ (…) “ suite à l’instrumentalisation d’une interview du directeur du Mudam par une collaboratrice de RTL Rélé Lëtzebuerg .” Der LAND-Schreiber setzt damit einen deutlich wertenden Akzent, indem er präzisiert, worin dieser „Skandal“ für ihn liegt: nicht in Lunghis aggressivem Verhalten, sondern in der journalistischen Behandlung des Interviews durch RTL. Gerade die Verbindung beider Formulierungen ist entscheidend: Zuerst der „scandale Lunghi-Schram“, anschließend die „instrumentalisation d’une interview “ durch eine RTL-Mitarbeiterin. Damit wird der Skandalbegriff semantisch eindeutig mit der Arbeit von RTL verknüpft. Lunghi erscheint nicht als Urheber des „Skandals“, sondern als Direktor des Mudam, dessen Interview angeblich instrumentalisiert worden sei.
Mit diesen Wortkombinationen zeigt Sorlut exemplarisch, wie durch Wiederholung aus einer umstrittenen Meinung zunächst eine scheinbare Gewissheit und schließlich eine feststehende Tatsache entstehen kann: es heißt dann nicht mehr, RTL könnte angeblich ein Interview instrumentalisiert haben, sondern, es habe eine „instrumentalisation“ gegeben. Genau an diesem Punkt beginnt die perfide Vorverurteilung.
Sofia Eliza Bouratsis: Neutralität adieu
Auch die Täter-Opfer-Erzählung zeigt sich besonders deutlich bei Sofia Eliza Bouratsis. In ihrem LAND-Beitrag „Triste savoir“ vom 12. Oktober 2018 lobt sie Catherine Gaengs Buch „Lynchage médiatique et abus de pouvoir. “ – Gaeng ist die Ehefrau Lunghis – über den grünen Klee. Gegen RTL hingegen werden bösartige, verleumderische Anklageformeln en série eingesetzt: „assassinat médiatique“ (…) “ les effets néfastes et prouvés d’un système pervers “ (…) „diffamation arbitraire et infondée produite par une chaîne de medias privée“ (…) “ incapable de discerner la différence entre une information et sa déformation . “

Pikantes Detail: LAND-Schreiberin Bouratsis gehörte zu den Unterzeichnerinnen einer öffentlichen internationalen Unterstützungskampagne für Enrico Lunghi – der CIMAM-Erklärung „Support for Enrico Lunghi“ –, die sich ausdrücklich mit ihm solidarisierte und die Umstände seines Rücktritts kritisierte. Von einer neutralen, objektiven und unbefangenen LAND-Schreiberin kann angesichts dieser dokumentierten Vorpositionierung absolut nicht die Rede sein. Somit gehört Bouratsis zu einem weiteren markanten Baustein jener über Jahre stabilen Pro-Lunghi-Linie des LAND, in der den betroffenen RTL-Mitarbeitern keine Chance eingeräumt wurde, zu den zahlreichen verleumderischen Texten Position zu beziehen.
France Clarinval: Distanz ausser Kraft
Als 2023 der Strafprozess in der Affäre RTL-Lunghi begann, wäre der Moment gekommen, alte Gewissheiten auszusetzen und Beweise, Zeugen und gerichtliche Würdigung abzuwarten. Mitnichten. France Clarinval – enge Vertraute und Freundin des Ehepaares Lunghi-Gaeng – schreibt als LAND-Prozessberichterin am 3. März 2023: „Un montage biaisé et totalement à charge contre lui est diffusé dans l’émission De Nol op de Kapp.“ (…) „une enquête disciplinaire qui conclura que l’image et le son de l’interview ont été montées de manière à donner à la scène une tournure plus dramatique et violente que la réalité. RTL fait le ménage, arrête l’émission et envoie son directeur à la retraite“.
Auch Clarinvals weitere Gerichtsreportage „Le linge sale de la famille RTL“ vom 28.10.2023 bleibt der Pro-Lunghi-Berichterstattung treu: „un certain journalisme populiste en quête de sensation, des montages mensongers, une hiérarchie autoritaire“.
Als das LAND verstummte

ChatGTP
Die Einseitigkeit der etwa 20 LAND-Artikel zur Causa RTL-Lunghi liegt nicht in einzelnen Sätzen und Passagen – sie liegt in der Summe und in ihrer bemerkenswerten Richtungskonstanz. Gerade deshalb besitzt das Urteil der Cour d’appel vom 3. Juni 2026 eine besondere Sprengkraft. Marc Thoma, Sophie Schram und Alain Berwick wurden komplett freigesprochen. Und schwups verstummte der journalistische Eifer im LAND und schrumpfte auf einen unscheinbaren Kurztext zusammen. Statt einer Analyse dieses für die gesamte Affäre zentralen Urteils erschien lediglich eine “versteckte” Randnotiz mit den Initialen FC, und ausgerechnet Lunghi erhielt nochmals das letzte Wort. Für eine Zeitung, die journalistische Unabhängigkeit, Distanz und intellektuellen Anspruch für sich reklamiert, ist diese Diskrepanz deontologisch entlarvend. Denn wer Belastendes groß ausbreitet und Entlastendes versteckt, dokumentiert keine ehrliche, ausgewogene Haltung, sondern ein bemerkenswertes, armseliges Verhalten.
Die Rechnung bleibt offen
Journalistische Freiheit ist ein fundamentales Gut. Sie ist jedoch kein Freibrief für folgenlose Diffamierung. Wo publizistische Macht über Jahre zur reputationsschädigenden Gewissheit gerinnt, obwohl die zugrunde liegenden Vorwürfe einer späteren gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten, darf die Debatte nicht mit einer unscheinbaren Randnotiz enden. Dort beginnt vielmehr die Frage nach Verantwortung – publizistisch, deontologisch und auch zivilrechtlich. Denn angesichts des über Jahre entstandenen beruflichen, persönlichen und reputativen Schadens muss geklärt werden, in welchem Umfang Schadenersatzansprüche der Betroffenen zur Geltung kommen müssen. Die Frage nach der Verantwortung für zehn Jahre publizistischen Schaden richtet sich jetzt an diejenigen, die ihn angerichtet haben.
Quellen / Bezugspunkte
• Romain Hilgert, „Vom Unglück“, d’Lëtzebuerger Land, 9. Dezember 2016.
• Josée Hansen, „Abus de pouvoir“, d’Lëtzebuerger Land, 25. November 2016.
• Josée Hansen, „Effets de manche“, d’Lëtzebuerger Land, 2. Dezember 2016.
• Josée Hansen, „La si fragile crédibilité“, d’Lëtzebuerger Land, 16. Dezember 2016.
• Josée Hansen, „C’est bien d’en avoir parlé“, d’Lëtzebuerger Land, 5. Mai 2017.
• Michèle Sinner, „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, d’Lëtzebuerger Land, 5. Oktober 2018.
• Sofia Eliza Bouratsis, „Triste savoir“, d’Lëtzebuerger Land, 12. Oktober 2018.
• Pierre Sorlut, „Contrat sans concession“, d’Lëtzebuerger Land, 6. September 2019.
• France Clarinval, „Une petite heure et puis s’en vont“, d’Lëtzebuerger Land, 3. März 2023.
• France Clarinval, „Le linge sale de la famille RTL“, d’Lëtzebuerger Land, 20. Oktober 2023.
• France Clarinval, „Le Mudam face à ses démons“, d’Lëtzebuerger Land, 16. Mai 2025.
• Erwan Nonet, „Un bout de chemin avec Lunghi“, d’Lëtzebuerger Land, 30. Mai 2025.
• Cour d’appel du Grand-Duché de Luxembourg, 10e chambre, Arrêt n° 278/26 X vom 3. Juni 2026, insbesondere S. 56–60.
• RTL Lëtzebuerg, 15. April 2026: „Urteel an Affär Lunghi/RTL géint zwee fréier Journalisten a géint fréieren Direkter gëtt 20. Mee geschwat“ (Diana Hoffmann / Michèle Sinner; Audiobeitrag: „Rep. Michèle Sinner“).
• RTL Lëtzebuerg, 3. Juni 2026: Michèle Sinner, „Fräisproch fir fréier Journaliste Marc Thoma a Sophie Schram“.