Karl trinkt keinen Alkohol. Das ist keine große Sache, denkt er. Man kann ja einfach ein Mineralwasser bestellen.
An diesem Abend geht er ins Restaurant Le Chic. Gedämpftes Licht, schwere Vorhänge, Gläser, die so dünn sind, dass man Angst hat, sie nur anzusehen. Klänge aus Lautsprechern an der Decke, die nach schlechter Fahrstuhlmusik klingen. Heute nennt man das Lounge.
Aus der Küche dringen gedämpfte Kommandos:
„Service! Zwei Risotto – schnell! Und wo ist der Grand Marnier?! Ich brauche den für die Desserts! Muss ich mich wiederholen?“
Karl setzt sich. Ein brauner Stuhl mit Lederimitatpolster. Auf dem Tisch Servietten aus Papier, in Schwanform gefaltet.
Der Kellner überreicht ihm die Speisekarte. „Ich empfehle das Gourmet-Menü.“

Karl nickt. „Ja, ist in Ordnung. Und bitte ein Sprudelwasser.“
Das Amuse-Gueule kommt auf einem Teller, der größer ist als der Inhalt. Ein kunstvoll angerichteter Klecks, der aussieht, als hätte er einen eigenen Lebenslauf.
„Mit einem Hauch Weißwein“, sagt der Kellner.
Karl lächelt. Ein Hauch ist ja fast nichts.
Die Vorspeise folgt: Jakobsmuscheln auf einer fein abgestimmten Sauce, die aussieht, als hätte sie lange über ihre Existenz nachgedacht.
„Leicht mit Noilly Prat abgerundet“, erklärt der Kellner.
Karl nickt. Abgerundet klingt immer vernünftig.
Aus der Küche: „Mehr Reduktion! Das verkocht nicht von allein! Himmel – wo bleibt der Grand Marnier?!“
Zwischengang: ein Trou-Normand, Zitronensorbet.
„Mit einem Tropfen Limoncello.“
Karl denkt: Ein Tropfen ist kleiner als ein Hauch. Oder größer. Aber auf jeden Fall wenig.
Der Hauptgang erscheint mit Gewicht: Rinderfilet, perfekt gebraten, so zart, dass es wahrscheinlich nie Widerstand geleistet hat.
„Die Sauce wurde mit einem Schuss Cognac verfeinert.“
Ein Schuss. Karl stellt sich kurz ein Gewehr vor. Dann entscheidet er, dass es kulinarisch gemeint ist und daher harmlos sein muss.
Hinter ihm: „Flambieren!“ Es zischt, eine Flamme schlägt kurz auf. Ein Duft breitet sich aus. Warm. Süß. Überzeugend.
Das Dessert ist der Höhepunkt: ein kräftiger Pfannkuchen, goldbraun, mit Birnen und Sahne.

Der Kellner senkt die Stimme, als würde er ein Geheimnis teilen: „Und nur ein ganz kleiner Spritzer Birnenschnaps, Père Williams.“
Nur ein Spritzer. Karl fragt sich kurz, wie viele Spritzer ein Glas ergeben. Er kommt nicht dazu, es zu berechnen.
Er isst alles. Sehr gut sogar.
Mit der Rechnung bringt der Kellner noch eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses: eine Praline.
„Mit einem Hauch Rum.“
Natürlich.
Beim Hinausgehen fühlt Karl sich leicht und angenehm warm. Ein bisschen, als hätte der Abend mehr getan als nur satt gemacht. Die Straße wirkt weicher als sonst, die Luft freundlicher, die Laternen scheinen sich minimal zu verschwören.
Er bleibt kurz stehen.
Er hat nichts getrunken. Kein Glas Wein, kein Aperitif, keinen Schnaps. Nur ein Sprudelwasser. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte er das Menü nicht nur gegessen, sondern auch ein wenig getrunken. Vielleicht sogar mehr als nur ein wenig. Aber sicher nichts Genaues. Nur Hauch, Tropfen, Schuss und Spritzer.
Ernesto F