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Gesellschaft

Ernesto Fluni: Karls Rache – oder: Von vorne und hinten 

Ernesto Fluni: Karls Rache – oder: Von vorne und hinten
Photo de cottonbro studio: https://www.pexels.com/fr-fr/photo/main-porter-plaisir-erotique-6768983/

Karl wollte etwas Schönes schaffen. Eine große, stabile Rankhilfe aus Schmiedeeisen sollte in seinem Vorgarten stehen, umrahmt von seinen geliebten Rosen. In Rosenheim, einem kleinen Dorf mit mehr Gemeindevorschriften als Einwohner, war das allerdings ein genehmigungspflichtiges Vorhaben.

„Dafür brauchen Sie eine Baugenehmigung“, sagte man ihm auf der Gemeinde. Man reichte ihm ein Formular auf Papier, zweifach durchschlagend, mit Bleistift notiertem Hinweis auf der Rückseite: „Standort vorne oder hinten ankreuzen.“

Karl setzte sein Kreuz bei vorne. Ganz eindeutig: Vorgarten.

Zwei Wochen später – keine Antwort. Karl fragte nach.

„Also, laut unserem Exemplar ist der Standort hinten angekreuzt“, erklärte ihm der Beamte im technischen Büro. „Das ist eine ganz andere Genehmigungsprozedur. Dafür brauchen wir exakte Pläne, die Sie nicht übermittelt haben.“

„Das kann nicht sein. Ich hab ganz klar vorne angekreuzt.“

„Dann muss da etwas vertauscht worden sein. Jedenfalls – wenn das Kreuz falsch ist, müssen Sie den Antrag rektifizieren. Kommen Sie vorbei, dann stempeln wir das Datum neu, und Sie unterschreiben nochmal.“

Karl kam, bekam sein ursprüngliches Blatt zurück – es wurde mit dem neuen Datum versehen, ein Gemeindestempel aufgedrückt, und er unterschrieb ein zweites Mal.

Ein Monat verging – wieder keine Antwort.

Als Karl erneut nachfragte, teilte man ihm mit: „Wir haben Ihren Antrag leider nicht mehr. Der ist wahrscheinlich verlegt worden.“

„Wie bitte?“

„Wir haben überall nachgeschaut – offensichtlich ist das Formular verloren gegangen. Sie müssen leider nochmal vorbeikommen und einen neuen Antrag ausfüllen.“

Karl tat, was der Beamte sagte, und begab sich erneut zur Gemeindeverwaltung, zweiter Stock, technisches Büro. Zum dritten Mal stand er am selben Schalter. Er schrieb dieselben Angaben nieder, machte wieder ein Kreuz bei vorne. Der Beamte stempelte das Formular, Karl unterschrieb – und ging..

Zwei Wochen später meldete er sich erneut telefonisch. Diesmal bekam er eine überraschende Antwort.

„Also… Ihr erster Antrag ist inzwischen wieder aufgetaucht.“

„Na wunderbar.“

„Ja, aber jetzt gibt es ein Problem. Der neue Antrag ist nicht gültig, weil der ursprüngliche Antrag – der, den Sie rektifiziert hatten – wiedergefunden wurde. Aber leider ist das Datum inzwischen überschritten. Er ist abgelaufen. Und der neue Antrag ist dadurch ebenfalls gegenstandslos.“

„Das heißt… beide Anträge sind jetzt ungültig?“, fragte Karl.

„So sieht es leider aus. Sie müssen nochmal vorbeikommen.“

Karl sagte nichts mehr. Er nickte nur innerlich. Verabschiedete sich freundlich. Und bestellte im Internet einen Vibrator – ein modulares Modell, laut Beschreibung „für Mann und Frau, mit Anwendungsmöglichkeiten vorne und hinten“.

Er verpackte ihn sorgfältig, legte eine Notiz bei, adressiert an das technische Büro und den Bürgermeister:

„Ich übersende Ihnen hiermit ein kleines Geschenk.
Viel Freude damit – von vorne und von hinten.“

Er brachte das Päckchen am nächsten Morgen persönlich zur Post.

Ob er je wieder eine Rose pflanzte, ist nicht überliefert.

Ernesto Fluni

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