Frank Bertemes: Die Macht der Worte

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image credits: pexels

„Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.“

― Gottfried Benn:  Gesammelte Werke (1956)

Wort, Wörter, Worte. Eigentlich, so der Duden, „feierlich Gesprochenes; die kleinste selbständige sprachliche Einheit von Lautung und Inhalt.“  Um noch einige aussagekräftige Worte des einleitend zitierten deutschen Arztes, Dichters und Essayisten Gottfried Benn, der von 1886 bis 1956 lebte, zu bemühen: „Existenz heißt Nervenexistenz, das heißt Reizbarkeit, Zucht, enormes Tatsachenwissen, Kunst. Leiden heißt am Bewusstsein leiden, nicht an Todesfällen. Arbeiten heißt Steigerung zu geistigen Formen. Mit einem Wort: Leben heißt provoziertes Leben.“

Eine Feststellung, die übrigens bestens zu einer besonderen Persönlichkeit unseres Ländchens passt, die den Titel dieses Textes einleiten soll:  die Macht der Worte. Mit diesem Titel einer Ausgabe der Revue wurde mittels ebendieser Worte auf die Coverstory aufmerksam gemacht, die diesen bestbekannten Mann in direkte Verbindung mit dem brachte, was ihn besonders auszeichnet, nämlich einen Meister des Wortes: Maître Gaston Vogel. Der streitbare Anwalt, der neben seinem Beruf, der für ihn eigentlich eine lebenslange Berufung darstellt und den er mit Leidenschaft ausübt, verbindet nämlich eine besondere Bewunderung für Gottfried Benn, den er, neben Friedrich Nietzsche, sehr schätzt. Ebenfalls folgendes Zitat Nietzsches in unserem Kontext ist übrigens durchaus im rezenten Prozess, mit dem sich Gaston Vogel ob eines viel thematisierten offenen Briefes des Jahres 2015 an die hauptstädtische Bürgermeisterin konfrontiert sah und (natürlich!) freigesprochen wurde, absolut zutreffend: „Doch bleibt das Wort ein zartes Wesen, bald krank und aber bald genesen“, ein Zitat, das die Revue in diesem hochinteressanten, vielfältigen Interview mit Gaston Vogel besonders hervorhob.

Wort, Wörter, Worte.Große Macht übt das richtige Wort aus. Immer, wenn wir auf eines dieser eindringlichen, treffenden Worte stoßen, ist die Wirkung physisch und geistig – und blitzartig spontan.“ So der amerikanische Schriftsteller Mark Twain. Da passt er schon ins Schema, unser Gaston Vogel als Person und Botschaft, nein, eher schon als Person mit Botschaft. Die er in seiner ihm eigenen, unübertrefflicher Art und Weise in aller Deutlichkeit darzulegen und vorzubringen versteht, ein Mann der klaren Worte! Um eines sofort klar zu stellen: Es soll hier nicht um die Heroisierung eines Mannes oder um übertriebene Lobesreden auf ihn gehen, er, der sich sicherlich selbst nicht so eingeschätzt sehen will, sondern darum, die ihm sicherlich eigene Wortwahl und seine sehr persönliche Form der ausdrucksstarken Äußerung in den Kontext dieser Zeilen zu setzen. Die Kraft des Wortes eben, neben deren Macht und Gewicht. Wenn da einige meinen, ihn kritisieren zu müssen, dann werden diese Kritiker seiner Person sicherlich nicht gerecht. Diesen exemplarischen Typus eines atheistischen Humanisten, Schriftstellers und Autors diverser Werke darüber hinaus einen Kleingeist zu nennen, ihm Mangel an Redlichkeit, gar Torheit vorzuwerfen, so wie kürzlich erst ein übereifriger Leserbriefschreiber es sich erlaubte, stellt faktisch eine Frechheit gegenüber der Person Gaston Vogel dar. Glücklicherweise wurde dieser destruktive, im Gesamtkontext der Debatte um das Bëttel – Plagiat publizierte Leserbrief, ein Text mit teilweise völlig entgleistem Inhalt, von einem anderen Leserbriefautor im Sinne des Menschen Gaston Vogel – in einem übrigens inhaltlich bemerkenswerten Text – richtiggestellt. Nebenbei bemerkt fehlt es diesem Land immer mehr an Menschen mit Persönlichkeit, mit „Face“, mit Mut, ihre Position klar und deutlich, ja mit mächtigen Worten, gekonnt und mit beachtlichem Wissen untermauert, vorzutragen, Charaktertypen, ja faktisch Identifikationsfiguren, die über eine besondere, positive und wegweisende Art von „Chuzpe“, einer unbekümmerten, charmanten (oder auch weniger charmanten) Dreistigkeit, pfiffigen Unverschämtheit verfügen, Menschen, die eben ein allgemeines Aufsehen erregen und sich erfrischend anders vom faden Auftritt langweiliger, dem heutigen Mainstream angepasster Durchschnittstypen unterscheiden. Man vermisst diesen Menschentypus, dem man sicherlich keinen Mangel an (Zivil-) Courage vorwerfen kann, täglich immer mehr – und dies wird in der Zukunft des angepassten, übervorsichtigen „Homo digitalis“ immer mehr so sein! Gerade diese mutigen, kritischen Menschen sind es jedoch, die die Welt bewegen, sie weiterbringen. Feiglinge, Kopfnicker und Ja-Sager haben diese Welt, diese Gesellschaft, jedenfalls noch nie weitergebracht, das auch auf die „Gefahr“ hin, sich nicht unbedingt beliebt zu machen, eben nicht „everybody’s darling“ zu sein. Weshalb auch?

Insgesamt gesehen, stelle man sich übrigens einen Gaston Vogel, unabhängig vom Inhalt seiner vielfältigen Aussagen, mit zögerlicher, vorsichtiger Wortwahl, in leiser, scheuer Tonart vorgetragen, vor. Wer würde ihn überhaupt ernst nehmen? Ihm zuhören? Seine starke Persönlichkeit ist Programm, seine Themen von höchster Aktualität, sein Wissen, sein Intellekt und seine Fähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen, enorm. Die Macht seiner Worte ist in der Tat gewaltig.

Ehre, wem Ehre gebührt – so eine Redewendung. Oder auch: Wer Anerkennung verdient, der soll sie auch erhalten.

Respekt, Maître!

Frank Bertemes

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