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Paul Heinen: Die Nordsee – Größter Energielieferant Europas? 

Paul Heinen: Die Nordsee – Größter Energielieferant Europas?
dpa

Luxemburgs Energiepolitik strebt eine Energiewende an, die ausschlieβlich auf regenerativen Energien basiert. Während die Rifkin-Strategie noch postulierte, dass Luxemburg dieses Ziel aus eigener Kraft bewerkstelligen wird, so ist der aktuelle Energieminister Claude Turmes in seinen Aussagen etwas vorsichtiger geworden, da er in öffentlichen Stellungnahmen wiederholt betont, dass Luxemburg seinen Energiebedarf „nicht ganz” aus eigenen Energiequellen abdecken kann. Diese Formulierung ist immer noch sehr euphemistisch in Anbetracht der tatsächlichen Ausbaupotenziale. So sah der initiale Energie- und Klimaplan bis zum Horizont 2040 eine jährliche Produktion von 5,8 Terawattstunden (TWh) im Strom- und Wärmesektor vor. Dies entspricht in etwa 11% des Luxemburger Energieverbrauchs, bezogen auf die zeitliche Periode vor Corona-Lockdown bzw. geopolitisch bedingten Energieengpässen.

Dieses technische, sowie politische Dilemma versucht man jetzt durch eine ausgelagerte Energieproduktion zu lösen. So berichtete das Luxemburger Wort am 24. April über den sogenannten Nordseegipfel in Ostende. Neun europäische Länder, darunter auch Luxemburg, haben sich das Ziel gesetzt, die Nordsee mittels eines 300 Gigawatt Windparks bis 2050 zum größten Energielieferanten Europas zu machen. Zitat: „Der Forscher Simone Tagliapietra von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel hält es für den richtigen Ansatz, die für die Region typischen stetigen Winde in erneuerbare und bezahlbare Energie für Millionen von Haushalten umzuwandeln.“

Orsted

So stetig scheinen die Winde dann doch nicht zu wehen. In der Tat liefern die audiovisuellen Medien zum Aspekt der Volatilität weitere technische Details, so z.B. RTL am 25. April (Zitat): „Ohne Wind keine Stromproduktion. Die Lösung: man schlieβt sich mit dem Stromnetz an die Windenergieanlagen der Nachbarländer an.“ Hierzu ergänzt Energieminister Turmes im Interview, dass ebenfalls groβe Mengen an Wasserstoff hergestellt werden sollen, um damit Gaskraftwerke zu betreiben, falls die Windanlagen „mol eng Kéier net dréinen“ (Zitat). Des Weiteren wird hier ausgeführt, dass der bis 2050 vorgesehene Offshore-Windpark ein Äquivalent zu 300 Atomreaktoren darstellt.

Die hier geschilderten Aussagen betreffen also die technische Machbarkeit in puncto Energiemenge und Versorgungssicherheit, sowie die wirtschaftliche Machbarkeit im Rahmen bezahlbarer Energiekosten. Regierungschef Xavier Bettel seinerseits beginnt sein Interview in Ostende mit diesen Worten: „Wir glauben an erneuerbare Energien“. Da Erdöl und fossiles Gas in den nächsten Jahrzehnten immer knapper werden, und da unsere gesamte gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Struktur auf einer versorgungssicheren Energie basiert, ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, dass diese öffentlichen Aussagen auch tatsächlich zutreffen und nicht nur auf Glaube und Hoffnung beruhen.

Überprüfen wir also summarisch die gemachten Aussagen in Puncto Versorgungssicherheit, gelieferter Energiemenge, sowie Kosten.

Was die von der Brüsseler Denkfabrik angesprochenen „stetigen Winde“ anbelangt, so ist eigentlich mittels der aufgezeichneten Leistungsprofile der europäischen Windanlagen gewusst, dass diese sowohl zu Lande als auch auf See aufgrund übergeordneter Wettersysteme überwiegend synchrone Leistungen liefern, die im gesamten Kollektiv abrupten Schwankungen unterliegen und regelmäβig auf nur wenige Prozent ihrer installierten Nennleistung abfallen (s. VGB, Windenergie in Deutschland und Europa). Entgegen der landläufigen Vermutung „Irgendwo bläst immer der Wind” sind die geografischen Ausgleichseffekte in der Praxis also marginal. Die Vernetzung der Nachbarländer stellt mit diesem synchronen Leistungsbild somit keine Lösung dar. Eine bedarfsgerechte Stromproduktion wird, wie von Energieminister Turmes angedeutet, abhängig sein von der technischen Machbarkeit einer saisonalen Speicherung mittels Wasserstoff. Bei diesem Umwandlungsprozess Strom-Gas-Strom gehen jedoch thermodynamisch bedingt rund drei Viertel der Energie verloren. Da immerhin ein Teil der schwankenden Leistungen direkt in das Netz eingespeist werden kann, fällt dieser Verlust insgesamt jedoch geringer aus und kann von der Gröβenordnung her auf etwa die Hälfte der produzierten Energie abgeschätzt werden. Die somit verlustbedingt notwendige Verdopplung der Windanlagenzahl führt dementsprechend zu einer Verdopplung der Stromproduktionskosten. Hinzu kommen die Investitionen für Elektrolyse-Anlagen deren Rentabilität unter dem nur zeitweisen Einsatz leidet.

 

Wie steht es nun um die gelieferte Energiemenge? Schlieβlich soll dieser Megawindpark laut öffentlichen Aussagen zum gröβten Energielieferanten Europas werden, gleichbedeutend mit etwa 300 Atomreaktoren.

Hierzu ein paar Zahlen: der kürzlich in Betrieb genommene Offshore-Windpark vor Saint-Nazaire liefert mit einer installierten Leistung von 0,48 Gigawatt jährlich voraussichtlich etwa 1,6 TWh aus 80 Windkraftanlagen.

power technology

Das geplante „grüne 300 Gigawatt-Kraftwerk” entspricht also 625 solcher Windparks mit etwa 50000 vergleichbaren Windkraftanlagen und könnte somit hochgerechnet rund 1000 wetterabhängige Terawattstunden liefern. Wie oben beschrieben, werden daraus wegen der Speicherung über Gas gröβenordnungsmäβig etwa 500 TWh bedarfsgerechte Energie. Da ein moderner 1,6 Gigawatt Reaktor jährlich etwa 12 TWh liefert und eine rund dreimal so hohe Laufzeit als Offshore-Windanlagen hat, stellt das Nordseeprojekt in puncto Energieproduktion rechnerisch also keine Äquivalenz zu 300, sondern lediglich zu etwa 14 Reaktoren dar (500 geteilt durch 12 geteilt durch 3).

Was bedeutet dies nun kostenmäβig? Werden die 2 Milliarden Euro Baukosten von Saint-Nazaire angesetzt, so ergeben sich für entsprechende 625 Windparks ca. 1250 Milliarden Euro, zuzüglich Investitionen für Elektrolyse-Anlagen und Backup-Gaskraftwerke. Setzt man für die 14 Reaktoren ganz konservativ die aktuelle Kostenberechnung des Kosten-Fiaskos Flamanville an (Baukosten 13,2 Milliarden Euro), so ergeben sich hier nur etwa 185 Milliarden Euro, demnach also eine ganze Gröβenordnung weniger.

 

Die am Gipfel teilnehmenden Politiker versprechen uns, dass die Nordsee zum gröβten Energielieferanten Europas wird. Trifft dies auch zu? Der europäische Endenergieverbrauch liegt bei etwa 11000 TWh jährlich. Es ist somit leicht zu überprüfen, dass diese über eine Billion Euro teure Installation mit etwa 500 TWh steuerbarer Energie auch bei zukünftigen Einsparungen lediglich nur wenige Prozent des Energiebedarfs liefern wird.

 

Das vermittelte politische Narrativ wirft nach diesen ernüchternden Feststellungen somit einige Fragen auf.

Wohin soll diese Energiestrategie langfristig führen, wenn jetzt schon absehbar ist, dass die überwiegend fossile Energiebasis hiermit nicht im Entferntesten ersetzt werden kann? Gleichzeitig werden die Erdöl- sowie Erdgasressourcen in den kommenden Jahrzehnten geologisch bedingt immer knapper. Wie antizipieren wir die damit einhergehenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen? Wieso hört man hierzu nichts vonseiten der auf dem Gipfel anwesenden Vertreter der Industrie? Geht es hier nur um ein kurzfristiges Geschäftsmodell?

Wem nützt die Verquickung zwischen Klimaschutz und Ausbau der Windenergie?

Wem nützt dieses Narrativ und wie beeinflusst es die öffentliche Diskussion?

In welchem Maβe sind sich die politischen Entscheidungsträger der Realität bewusst? Inwieweit erkennen sie die Konsequenzen in puncto volkswirtschaftliche Kosten, Ressourcenverbrauch, Impakte auf natürliche Lebensräume, usw.?

Die Kredibilität dieser Energiepolitik, sowie der verschiedenen Parteien, die sich dieses Jahr auch mit diesem Thema zur Wahl stellen, hängt von der Qualität ihrer Antworten ab.

“Dëse Bäitrag gouf och am Lëtzebuerger Wort vum 3. Juni 2023 publizéiert”.

 

 

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