Lieserbréif vum Frank Bertemes: Virtù

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„Ein Herrscher muss schlau sein wie ein Fuchs, um Schlingen und Fallen zu erkennen“.

so Niccolò Machiavelli. In moderner, demokratischer Interpretation gilt dies allerdings stärker für das Volk, das in einer Demokratie noch schlauer sein muss, um die Gefahren und Irrtümer, die von den „Herrschenden“ ausgehen, vorausschauend zu erkennen. Virtù ist die italienische Übersetzung des lateinischen Begriffs “Virtus” und bedeutet Tugend. In der politischen Philosophie ist virtù der Zentralbegriff des berühmten Florentiners Niccolò Machiavelli, der den Begriff der moralischen Tugend in den Kontext der Kräfte und Funktionen von Herrschaft setzte. Im Rahmen dieses Beitrages ist dieser Terminus im Zusammenhang der heuer aktuellen Regierungsverhandlungen zu verstehen, die uns – und machen wir uns nichts vor – verstärkt mit einer wirtschaftsliberalen Politik konfrontieren wird. Der Begriff der Tugend, der Tauglichkeit, der Tugendhaftigkeit, ist demnach im Gesamtkontext Demokratie besonders im sozial-ökologischen Handeln durchaus angesagt.

Wer noch vor dem rezenten Wahltag von einer eher ökosozial orientierten Politik der Zukunft träumte, musste am Wahlabend ein klares, für die politische Ökologie drastisches, gar dramatisches, realpolitisch dennoch wenig verwunderliches Wahlresultat akzeptieren. Das Wahlvolk hat entschieden und es muss weiter gehen. Die Aufgabe der politischen Opposition im und auβerhalb des Parlamentes wird so wichtig sein wie kaum jemals zuvor. Denn die Zweifel an der eben ökologisch und sozial engagierten Politik dieser neuen Regierung unter der Führung eines (vorsichtig gesagt) wirtschaftsfreunlichen Ministerpräsidenten sind sicherlich nicht unberechtigt.

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Machiavelli war ein Anhänger der sophistischen Philosophie, die den Menschen als „Maβ aller Dinge“ nahmen. Er wollte den Menschen möglichst positiv auf seine politischen und bürgerlichen Verpflichtungen aufmerksam machen, auch wenn er, der eigentliche Republikaner, sich sehr viel mit der Machtfrage beschäftigte. Virtù als Begriffssystem sollte ihm dabei im Sinne moralischer Tugend an die Adresse der Herrschenden, heute der Regierungen,  Hilfestellung leisten. Der Mann ist heute noch hochaktuell, geben seine Schriften reformbereite, republikanische und für seine Zeit recht innovative Ideen wieder. Aber dem gegenüber weisen sich andere Passagen, besonders im Principe , um so konservativer aus. Ein Herrscher, vor allem ein unerfahrener, müsse zum Beispiel „gegen die Treue und die Menschlichkeit (…) verstoßen“, die Bürger folglich missbrauchen und enttäuschen und je nach Notwendigkeit, „Löwe oder Fuchs“ sein, um den Staat zu erhalten. In seiner Discorsi beschreibt Machiavelli hingegen, dass sich selbst der Herrscher an bestehende Gesetze unbedingt zu halten hat, um dem Volk ein Leitbild zu präsentieren.

Oder ganz einfach die Versprechen einhalten, die man vor den Wahlen vollmundig machte und die dann doch nur – nach Machiavellis Herrschertheorie – Mittel zum Zweck waren? Und, ach ja, virtù als Gretchenfrage formuliert: Wie hast du’s mit Tugend? Oder doch wohl doch eher (gar wie fast immer)  die bekannten Laster der Polit-Opportunisten, die wenig Probleme damit haben, ihr „Geschwätz von gestern“ realpolitisch schnell zu vergessen? Im Sinne eines bekannten Gedichtes:

Ach, ich fühl es! Keine Tugend

Ist so recht nach meinem Sinn;

Stets befind ich mich am wohlsten,

Wenn ich damit fertig bin.

Dahingegen so ein Laster,

Ja, das macht mir viel Pläsier;

Und ich hab die hübschen Sachen

Lieber vor als hinter mir.

Wilhelm Busch (1832 – 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Man darf jedenfalls gespannt sein, wie der „Neue Luc“ in der neuen Partnerschaft mit dem nicht mehr ganz so neuen Xavier – der in letzter Zeit jedoch an sich selbst scheinbar neue Seiten erkannt zu haben vorgibt – in neuer schwarz-blauer Regierungsauflage mit neuen Mustern harmonieren wird… und was für uns als tumbes Wahlvolk aus diesem schwarz-blauen (altbekannten) Politgemisch resultieren wird!

Und zum Schluss noch ein „Polit-Bonbon“ des in diesen Zeilen bemühten Niccolò Machiavelli, der übrigens von 1469 bis 1527 lebte:

*„Was man auch immer für Vorkehrungen treffen mag, es kommen, wenn die Einwohner nicht zerstreut und getrennt werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum Vorschein.“

Der Mann wusste sehr wohl, wovon er sprach – und sein bestbekanntes Werk eines überzeugten Republikaners galt nicht umsonst als (mögliche jedoch bestens platzierte) …Satire!

*Quelle: Machiavelli, Der Fürst (Il Principe), verfasst 1513; päpstliche Druckgenehmigung 1532 (posthum)

An zum bessere Versteessdemech hei nach dësen Text iwwer de Machiavelli.

(…) Obwohl Machiavelli sein Leben lang, trotz allen persönlichen Elendes – wie der Entbindung von seinen politischen Ämtern – stets von starken Herrschern, wie den wiederkehrenden Medici, umgeben war und beeinflusst blieb, begab er sich dennoch auf die Suche nach der bestmöglichen Lösung für einen dauerhaften Frieden und einen beständigen Staat; und dies unabhängig von seiner eigenen Person. Im Principe richtet sich das Wort direkt an den Herrscher Lorenzo de Medici: unter anderem, damit dieser Machiavellis Wunsch nachkomme, Italien von fremden Einflüssen zu befreien, ähnlich wie sich das israelische Volk aus der Knechtschaft der Ägypter befreite.4 ! Noch heute wird Machiavelli mit den verschiedensten politischen Seiten in Verbindung gebracht. Obwohl er sich nie ganz eindeutig für eine bestimmte Richtung aussprach, schien er, in der sich durch die Mischverfassung auszeichnende Republik, das scheinbar geeignete politische System gefunden zu haben. Er konnte in seiner Lebenssituation selbst kaum von einer möglichen Kompromissbereitschaft profitieren, wie sie etwa in einer Republik zu finden wäre5 – indem er sich aus Florenz zurückzog – und doch ist seine republikanische Überzeugung, gerade in den Discorsi, klar sichtbar. (…) (aus: Dossier Anthony Stern  / Travail de Séminaire, 2010)

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