Frank Bertemes: Gehen wir doch ein Stück…

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Image par 👀 Mabel Amber, who will one day de Pixabay

 

Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Spazieren gehen. An die frische Luft gehen, einen Spaziergang machen. Und das ist mehr als „nur“ sich die Füße zu vertreten und frische Luft zu schnappen. Bewegung in Pandemie-Zeiten. Tatsächlich hat das Spazierengehen in Corona-Zeiten einen Boom erlebt. Die oft unterschätzte Bewegungsform, die „in modern times“ der elektronischen Geräte diverser Natur doch wirklich mehr ist, als nur einen Fuß vor den anderen zu setzen und die heuer wieder zunehmend gepflegt wird, war vorher bestenfalls eher Teil eines (langweiligen) Sonntagsrituals. Eine Gewohnheit, die im Laufe der Zeit immer mehr aus der Mode gekommen ist und die besonders von jungen Menschen – jedoch nicht nur von ihnen –  die sich leider immer weniger bewegen, nur mehr  müde belächelt wird. Man „spaziert“ doch lieber mit den Fingern tippend oder wischend über die Smartphones, statt in real die erwähnten Füße in der frischen Luft zu bewegen.

Im aktuellen Kontext der uns allen immer lästiger, gar unerträglich werdenden Ausgangsbeschränkungen sind Spaziergänge allerdings oft die einzige Möglichkeit körperlicher Aktivîtät. Einfach mal rauszukommen, oder auch Freunde treffen. Was besonders von der jungen Generation gepflegt wird, die man dann auf einmal wieder bei Spaziergängen tatsächlich auch begegnen kann. Diese jungen Menschen bewegen sich dabei nicht nur, was an ihnen an sich schon guttut, sondern sie unterhalten sich in real miteinander, man diskutiert, man tauscht Eindrücke und Ideen aus, ganz einfach, man spricht im direkten, menschlichen Kontakt in Echtzeit wieder miteinander. Und das nicht in einigen knappen Wortfetzen, wie man sie vorher via Smartphones oder (a)sozialen Medien untereinander austauschte, sondern in ganzen Sätzen live und in Farbe. So haben viele von uns ob dieser sanitären Krise, die uns alle mehr als nur nervt, und  die uns mehr oder weniger unserer elementarsten (Bewegungs-)Freiheiten beraubt und so manche gar in die absolute Isolation, gefolgt von ernsten psychischen Problemen, getrieben hat, diese uralte Bewegungsform für sich selbst wiederentdeckt. Man könnte sogar sagen, dass der banale Spaziergang, die Promenade, zurzeit eine Renaissance erlebt. Und das ist schon mal gut so!  Zusammengefasst wird damit die Aussage bestätigt, dass nichts so schlecht ist, als dass es nicht auch etwas Gutes hätte. Die Renaissance des Spaziergangs – in der Tat! Oder, noch einmal klassisch Goethe und seinen Osterspaziergang bemühend: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.

Und das kann tatsächlich sehr weit gehen. Es gibt nämlich den Forschungszweig der Promenadologie, der Spaziergangswissenschaft, die Professor Martin Schmitz an der Universität Kassel lehrt, bei der es allerdings um viel mehr als „nur“ um das Spazierengehen geht. Das Rumlaufen, das Spazierengehen ist, auch im Sinne des einführenden Zitates, die einfachste und genaueste Form, sich eine Landschaft, eine Stadt oder einen Raum zu erschließen. Bei der Spaziergangswissenschaft geht es darum, ohne festes Ziel umherzulaufen, seine Umgebung zu beobachten und Neues zu entdecken. Erfunden wurde die Promenadologie in den 1980er- Jahren vom Schweizer Soziologen (und das erklärt auch schon den wissenschaftlichen Kontext) Lucius Burckhardt. Die Promenadologie (englisch Strollology) ist eine von ihm entwickelte kulturwissenschaftliche und ästhetische Methode, die darauf zielt, die Bedingungen der Wahrnehmung der Umwelt bewusst zu machen und die Umweltwahrnehmung zu erweitern. Sie basiert sowohl auf einer kulturgeschichtlichen Analyse von Formen der Umweltwahrnehmung als auch auf experimentellen Praktiken, wie reflexive Spaziergänge, die der Soziologe in den Fachbereich Architektur, Stadt und Landschaftsplanung eingefügt hat. Dabei geht es eigentlich um Wahrnehmung und Planung, Gestaltung. Er hat sich gefragt: Warum ist Landschaft eigentlich schön?  Um da eine eigene Aussage treffen zu können, muss man sich ja bewegen! Und die einfachste Form, sich zu bewegen, ist eben das Spazieren gehen. Darüber hinaus hat Burckhardt registriert, dass in den 1980-er Jahren ein vorläufiger Höhepunkt der Mobilität erreicht war. Autos, Schnellzüge, Charter – und Linienflüge – je schneller wir uns fortbewegen, desto schemenhafter nehmen wir unsere Umgebung wahr, alles huscht an uns vorbei. Das hat Konsequenzen auf unser Planen und Bauen – Stichwort:  Autogerechte Stadt – wo bleibt der Mensch? Der Promenadologe sehr richtig: „So wie wir die Welt wahrnehmen, gestalten wir sie auch.“

Sinneswahrnehmungen, Gedankengänge und Lösungsideen. Wir und unsere Politmacher sollten diesen interessanten Aussagen der Promenadologen zuhören. Denn beim Spazieren gehen geht es um viel mehr als „nur“ um eine Form  „sanfter Mobilität“ , Entspannung der Psyche oder auch Achtsamkeitstraining….

Im Sinne Friedrich Nietzsches gesagt: „Traue keinem Gedanken, der nicht im Gehen entstanden ist.“ So wie er entwickelten auch seine Kollegen Kierkegaard und Rousseau ihre Thesen bei ausgedehnten Spaziergängen. Ebenfalls Einstein verschwand oft in den Wäldern wenn es knifflige Situationen zu lösen gab…

Das Spazieren gehen beinhaltet demnach sehr wohl ebenfalls und darüber hinaus einen lebenswichtigen Sinn, gehen wir demnach doch ein Stück!

…und das auch nach dieser bitteren Zeit, in der wir durchaus so manches lernen können!

Frank Bertemes

 

 

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