Frank Bertemes: es werde Licht!

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Image par Stefan Keller de Pixabay

 

Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen.

Georg Christoph Lichtenberg

 

Dreißig Jahre Mauerfall – dreißig Jahre Totalversagen. Aus der Perspektive der Beherrschten.  Wie es viele von ihnen heute empfinden. Ein ganzes Volk, das mehrheitlich und in voller Begeisterung das Licht am Ende des Tunnels zu erblicken…glaubte! Ein Volk, das nach Jahren der Diktatur am 9. November des Jahres 1989 – ein Jahrhundertereignis, der Tag, an dem die Berliner Mauer fiel –  tatsächlich eine historische Chance zu erleben meinte. Ein ostdeutsches Volk, das in der kollektiven Naivität der Gutmenschen annahm, dass nach dem Mauerfall der verbleibende Beton des Kalten Krieges, der vorbei war, flüssig geworden wäre. Auf einmal war nach Jahren der Staatsunterdrückung eines versagenden „sozialistischen“ Modells eines (vermeintlichen) „Arbeiter – und Bauernstaates“, dessen politische Führung den Namen Karl Marx mit der totalen Fehlinterpretation mittels eines staatlich organisierten Missbrauchs der marxistischen Ideologie und der realen Umsetzung eines totalitären Regimes vergewaltigte – scheinbar alles möglich…

 

Das alles konnte das Volk der ab diesem Datum des Jahres 1989 faktisch erledigten „Deutschen Demokratischen Republik“ vor allem und besonders einem Mann verdanken, der als überzeugter Kommunist in bester Absicht mit ausgestreckter Hand kam: dem damaligen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow. Der Mann, der die historischen Begriffe von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) prägte, die bekanntlich die Zielrichtung der beabsichtigten Reformen von Michail Gorbatschow beschreiben sollten. Glasnost – gemeint war damit eine Offenheit der Staatsführung der Bevölkerung gegenüber,  die reale Pressefreiheit und ein Ende der Zensur. Glasnost bedeutete auch Rede- und Meinungsfreiheit für alle. Erstmals erfuhr die Öffentlichkeit von der wahren, katastrophalen wirtschaftlichen Lage des Landes. Inhaftierte Regimekritiker wurden freigelassen. Die Unterdrückung der Kirchen wurde beendet, Demonstrationen wurden erlaubt. Perestroika – übersetzt Umbau oder Umgestaltung. Das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche System wurde umgebaut. Die Sowjetunion sollte ein demokratischer Staat werden. Sie sollte aus ihren festgefahrenen Strukturen gelöst werden, um so schließlich auch die Wirtschaft des Landes wieder nach vorne zu bringen. Als erstes wurde die Planwirtschaft gelockert, indem den Betrieben mehr Mitbestimmung eingeräumt wurde. Im Januar 1987 wurde ein umfassendes Perestroika-Programm verkündet. Die sowjetischen Reformen weckten auch bei den Menschen in der DDR die Hoffnung auf Veränderungen. Das SED-Regime, eine unverbesserliche stalinistische Kaderpartei unter der Führung ihres Generalsekretärs Erich Honecker, lehnte Glasnost und Perestroika jedoch ab und hielt starr am Kurs der Partei fest. Die SED sah ihren Führungsanspruch gefährdet und fürchtete Opposition, vor allem aber freie Wahlen.

 

Gorbatschow ahnte nur nicht, dass einige West-Strategen, denen er so etwas wie Vertrauen entgegenbrachte, ihm nur die Hand schüttelten, um ihm seinen Arm auf den Rücken drehen zu können. Und, wie heute so manche „Wessis“ selbstkritisch einräumen, dachten sie wie die naiven Ossis:  Jetzt wird alles gut! Doch die Rechnung wurde wieder einmal ohne jene Kräfte gemacht, die bereits vorher am Werk waren, nämlich die kapitalistischen Macht-Eliten, die garantiert nie an Sozialromantik glaubten, und die nach dem „Sieg“ im Kalten Krieg wie „heiße Bräute“ fette Beute machen sowie den eingangs erwähnten, nach dem Fall der Mauer erzielten flüssigen Zement in neuer, einzig und allein in kapitalistisch vordefinierter Form erstarren lassen wollten. Und das in einer unipolaren Welt, in der nur die USA bestimmen würden, ein wirtschaftspolitisch gleichgeschalteter Globus, der das tausendjährige Reich des Neoliberalismus in all seiner negativen Form und mit allen Konsequenzen (auch weiterhin) erleben sollte – und daran hat sich bis heute rein gar nichts geändert, im Gegenteil! Wir alle erleben dieses, für uns anderen nicht neue „Einheitsregime“, das sich bis heute halten, gar stabilisieren konnte. Um Lichtenbergs einführendes Zitat als Metapher weiter zu bemühen: der (vermeintliche) Sonnenaufgang, der den ostdeutschen Menschen, die bis dahin schon so viel an Dunkelheit erleben mussten, den Blick auf „blühende Landschaften“ eröffnen sollte, eine Sonne, die diese allerdings mit ihren Sonnenstrahlen nur verblendet hat. So dass nicht nur ihnen, sondern eigentlich uns allen, wir Bürgern der EU, neben den deutschen Ossis und Wessis, das Aufstehen tunlichst schwerfallen soll. Was nichts anderes bedeutet, als dass wir alle uns dem neoliberalen Diktat gefälligst zu unterwerfen haben! Diese neo-oder auch ultraliberalen Kräfte der diversen Eliten des Kapitalismus‘ begannen nämlich schon längst vor dem Fall der Berliner Mauer mit der Umsetzung ihrer Pläne, während die (vermeintlich) befreiten, gar erlösten ostdeutschen Menschen noch Party feierten. Immer mehr ostdeutsche Intellektuelle rechnen heute jedenfalls mit der (nicht nur aus ihrer Sicht) „gekauften Revolution“ ab und fordern berechtigterweise, dass aus den Ruinen der ehemaligen „DDR“ etwas ganz Neues hätte entstehen können, ein „dritter Weg“, ein wahrer demokratischer Sozialismus, ja eine sozial-ökologische Kurskorrektur, die viele Europäer sich eigentlich ebenfalls wünschen und damit den Ausstieg aus dem neoliberalen Irrweg, in den uns der Dschungelkapitalismus im Endeffekt alle geführt hat. Und diese konzertierte Opposition als vereinigte Bürgerbewegung ist an sich nur eine kollektive menschliche Reaktion auf das, was die Industrialisierung und der westliche Kapitalismus alles mit sich gebracht hat. Ein fataler Irrweg, der immer mehr erkannt und entsprechend kommentiert wird. Für die betroffenen Menschen hat die vielzitierte „Wende“ das ausverkaufte Ostdeutschland zur eroberten Teilrepublik der heute vereinten Bundesrepublik Deutschland gemacht, ein Land, das dem definierten Politmuster des rohen kapitalistischen Westens voll entspricht. Was haben die Menschen Ostdeutschlands eigentlich erlebt? Den fließenden Übergang einer Rechts– in eine Linksdiktatur, des Nationalsozialismus zum Stalinismus – schlimmer geht’s wohl nimmer! Nur – was erleben sie jetzt, im realexistierenden nächsten „-ismus“, nämlich dem Neoliberalismus?

 

Ein traumatisiertes Volk.  „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“, ein Werk aus der Feder der deutschen Autorin Daniela Dahn, ist eines der empfehlenswerten Bücher in der Logik einer Abrechnung mit der damals vollzogenen, jedoch niemals in real gelebten deutschen „Einheit“, ein Buch, das die Geschichte der Wiedervereinigung als eine eigentlich traurige Story sich immer weiter verengender Handlungsoptionen, verratener Träume und erstickter Aufbruchsimpulse beschreibt. Liest man andere Autoren, so sind sich diese in einem Punkt besonders einig: der „Wessi“ ist im Osten Deutschlands das immer noch weitaus präsentere Feindbild als der „Flüchtling“. Verantwortlich dafür ist die herrschende Politikerklasse, vor allem eben die „Wessis“ ihrer Zunft und dies aufgrund ihrer (markt)historisch gewachsenen und anerzogenen kapitalistischen Einstellung – die leider immer noch als „alternativlos“ dargestellt wird. Wären sie nämlich ehrlich, müssten sie unweigerlich zugeben, dass ihre antisozialen Werte in der Tat sehr erfolgreich „vermittelt“ wurden und leider immer noch werden, während die ostdeutschen Werte, beispielsweise durchaus existierender Solidarität und Gesellschaft in gesunder Lesart als marxistische Grundtugend nur müde belächelt wurden. Und genau hier hätte der Ansatz zu einer wirklichen „Wende“ schon bestanden. Statt sich an diesen zu orientieren (es war eben nicht alles an und in der „DDR“ schlecht!) hat die kapitalistische Wirtschaftsweise ob der in real existierenden neoliberalen Politikkonzepte der marktkonformen „Demokratie“ nämlich ihr Ziel erreicht. Und wo steht Deutschland heute – gesellschaftspolitisch betrachtet? Vor einem Scherbenhaufen, der von einer rechtslastig-gefährlichen AfD schamlos und völlig wertefrei ausgenutzt wird, einer national orientierten Sammelbewegung aller Rechten, Nazis oder ganz einfach sämtlicher Unzufriedenen oder Empörten (im negativen Verständnis des Wortes zu verstehen), die die Volksparteien so vorgeführt haben, dass diese sich heuer in der tiefsten Krise ihrer parteipolitischen Existenz wiederfinden – und denen der Untergang droht! Und trotzdem tun die herrschenden (Volks-) Parteien Gesamtdeutschlands weiterhin so, als hätten sie damit nichts zu tun. Als wären sie mit ihrer Politik des neoliberalen Irrwegs von Treuhand über Agenda 2010 oder auch der Bankenrettung nicht nur politisch verantwortlich und ebenfalls für das, was gesellschaftlich so abgeht, nämlich zunehmender Egoismus, soziale Kälte und Verrohung, kurz für alles das, was in Deutschland heute die breite Themenpalette der Alltagsdebatte bestimmt.

 

Ein Trauerspiel kapitalistisch-neoliberaler Politik, das sich allerdings in ihrer Konsequenz nicht nur auf Deutschland beschränkt, wie man ob der Zustände der EU als kritisch-mündiger Bürger heute leider feststellen muss.

 

Von Deutschland lernen? Als abschreckendes Beispiel im hier visierten Kontext?

 

Wir sollten daraus in der Tat die politischen und gesellschaftlichen Schlüsse ziehen, die sich aufdrängen und den Schritt zum dritten Weg einer sozial-ökologisch orientierten Wirtschaftsweise in einer realen Volksdemokratie endlich konkret beschreiten…es ist soweit!

 

Bemühen wir im Sinne des Titels dieses Beitrages abschließend Johannes 19,17:

 

„Fiat luxEs werde Licht.“

 

Frank Bertemes

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