Autofreie Innenstädte: Beispiel Herrenberg!

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Image par Picography de Pixabay

Qualität ist kein Zufall, sie ist immer das Ergebnis angestrengten Denkens.

John Ruskin (1819 – 1900), englischer Schriftsteller, Maler, Kunsthistoriker, Sozialökonom und Sozialreformer

 

nicht nur in Deutschland wird das Thema immer aktueller, sondern auch hierzuländchen müsste die im Titel dieses Beitrages visierte Debatte angesichts der Zustände in unserer Hauptstadt in diverser Hinsicht eigentlich noch intensiver geführt werden. Auch wenn man aktuell im Kontext ÖPNV sehr vieles unternimmt, um das aufzuholen, was man rund 30 Jahre verpennt hat (Beispiel Tram mit S-Bahnausweitung), so gilt ob der rezent veröffentlichten Pkw-Verkaufszahlen klar und deutlich immer noch die absolute Vormachtstellung des Automobils als scheinbar alternativloser Ausdruck „individueller Freiheit“ und als (trauriges) Statussymbol.  Im Autoland Luxemburg, wo auf den Straßen immer weniger geht und das Automobil immer mehr zum „Autoimmobil“ wird, die „Mobilität“ demzufolge eigentlich die falsche Frage zur evidenten wirklichen, realexistierenden Problematik der „Immobilität“ des Verkehrsalltags (Stichwort: Stau) darstellt, und die sich aufdrängende, radikale Antwort so ziemlich niemandem gefallen würde, ist man angesichts der erwähnten Rekordverkaufszahlen des Fetischs  „Auto“ weiterhin politisch (zu) vorsichtig – ein fataler Irrweg! Im Sinne von: „Als einer in des Irrsinns Krallen: dem Motor-Wahn schon tief verfallen. Ach du liebe Zeit: ja ist denn die Nutzung eines Autos jetzt auch schon zu rügen?“ (aus: Freimund Biederwacker : Vom folgenschweren Autowahn – 2018)

 

Sollten Autos aus den Innenstädten verbannt werden? In vielen Ländern gibt es das bereits. Mal geht es um Luftreinhaltung, mal darum, dass Städte ohne Autos schöner und lebenswerter sind. Autofahrer bestehen auf ihr Gewohnheitsrecht, Einzelhändler fürchten um den Umsatz, in den Gemeinderäten herrscht alles andere als Einigkeit. Abgase möchte niemand einatmen und nicht nur wer in der Innenstadt wohnt, hat ein großes Interesse daran, dass die Luftqualität gut ist. Es betrifft jeden, der sich diesen unerträglichen Abgasen ausgesetzt sieht (Thema auch hierzulande längst bekannt) und die immer mehr Menschen krank machen. Aber es gibt natürlich auch viele, die aus irgendeinem Grund auf das Auto angewiesen sind. Auch Einzelhändler fürchten um ihren Umsatz, wenn Autos nicht mehr in die Innenstädte dürfen. In Deutschlands Städten ist das Thema jedenfalls hochaktuell, die Zustände im Kontext Lebensqualität werden wahrlich immer dramatischer. Verstopfte Straßen, chronischer Parkplatzmangel: Deutschlands Innenstädte sind überlastet und der Frust ist sowohl bei Autofahrern als auch bei den Anwohnern groß. Sollten die Innenstädte also autofrei sein?

 

Eben genau das ist das erklärte Ziel! Es muss nicht immer das Auto sein. Alternativen zum Auto gibt es viele. Zum Beispiel den ÖPNV, das Rad oder (soweit möglich) das gesunde Zufußgehen! Schon heute steigen viele Menschen auch aufs Leihfahrrad um. In vielen Städten gibt es dazu Angebote, wie auch in unserer Hauptstadt.  Seit Februar 2018 sind Essen, Bonn, Mannheim, Reutlingen und Herrenberg sogenannte Modellstädte, die vom Bund Geld bekommen und dafür sorgen müssen, dass die Luftqualität besser wird. Mit rund 32.000 Einwohnern ist die Modellstadt Herrenberg in der Region Stuttgart die deutlich kleinste dieser Städte – und verfolgt jetzt das sportliche Ziel, bis 2020 den Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm je m³ Luft einzuhalten. 4,5 Millionen Euro bekommt die Stadt dafür und  darf selbst entscheiden, wie dieses Geld eingesetzt wird. Die bereits unternommenen Initiativen sind jedenfalls beachtlich und – heuer hochaktuell in Mariens gar nicht mehr beschaulichem Ländle – wurde die erste Idee, die aufkam, nämlich diejenige des Gratis-ÖPNV, schon einmal sofort als falsche Message verworfen und stattdessen ein Tagesticket von drei Euro eingeführt. In Kurzfassung gelten folgende Maßnahmen:

 

  • Schluss mit Stop-and-go : elektronische Tafeln zeigen an, bei welchem Tempo die grüne Welle gleichmäßiges Fahren ohne überflüssiges Abbremsen und Anfahren erlaubt. In dem Sinne gilt eine dynamische Tempobeschränkung zwischen 20 und 40 km/h und eine intelligente Verkehrslenkung, die den Verkehrsfluss gleichmäßiger machen soll.
  • Messflotte für „saubere Luft“: In Zusammenarbeit mit einer führenden Elektronik-Firma werden verschiedene Fahrzeuge mit einem Gerät ausgestattet, das den Zusammenhang zwischen der Fahrweise und dem Schadstoffausstoß untersucht. Die dadurch ermittelten Daten werden ausgewertet und können für weitere Maßnahmen eingesetzt werden.
  • Freie Fahrt für Busse mittels Busspuren und genauer Abstimmung mit dem bestehenden S-Bahnnetz – jetzt schon keine Verspätungen mehr!
  • Besser und billiger: Bisher wurde im ÖPNV der Einzelfahrschein subventioniert. Künftig sollen stattdessen das Monatsticket und das Tagesticket billiger werden. Das Tagesticket kostet 3 Euro und das Monatsticket wurde um 20 Euro billiger. Und:  Gratis wurde (wie bereits erwähnt) sofort ausgeschlossen! Ferner ersetzen  Linientaxis das Ruftaxi und schaffen eine regelmäßige Verbindung zwischen der Innenstadt und den Stadtteilen.
  • Mobilitäts-App : Herrenberg will eine kommunale Mobilitäts-App anbieten, die über alle Verkehrsmittel wie Bus, S-Bahn, Fahrrad und Auto hinweg und über die Gemeindegrenzen hinaus den schnellsten und umweltfreundlichsten Weg von A nach B kennt. Hinzu kommen die Organisation von Mitfahrgelegenheiten und Fahrgemeinschaften.

(Quellen: herrenberg.de/stadtluft  respektive  Wirtschaftsförderung Region Stuttgart)

 

Zusätzlich wird der Parkraum stark eingeschränkt, Längsparkplätze werden stillgelegt, die lärmgeplagte denkmalgeschützte Innenstadt soll drastisch entlastet und autofrei werden. Es geht also darum, die Autos aus den Innenstädten zu verbannen!

 

Das Projekt Herrenberg läuft noch bis Ende 2020, danach wird ausgewertet. Ein Projekt, dem man nur voll zustimmen kann.

 

Im Sinne Goethes: Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszuführen, wovon er überzeugt ist.

 

Wünschen wir es uns …

Frank Bertemes

 

 

 

 

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