Frank Bertemes: SINN (des Lebens)

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Photo de Engin Akyurt provenant de Pexels

Wer sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen als sinnlos empfindet, der ist nicht nur unglücklich, sondern kaum lebensfähig.

Albert Einstein

Sinn, Sinngebung. Dem Leben einen Sinn geben. Die Suche nach dem Sinn des Lebens. Wohl eine der schwierigsten, sicherlich aber auch der interessantesten Fragen, die man sich als Denkender, als Suchender, in einem (ungefragt) geschenkten Leben als Mensch mehr oder weniger oft stellt. Besonders in schwierigen Zeiten, die wir heuer alle erleben müssen, und natürlich in der aktuellen „besinnlichen“ Jahreszeit, in der man diese Fragestellung in einem Prozess des Nachdenkens sowie der inneren Einkehr sicherlich persönlich vertiefen kann So mancher verzweifelt an dieser ewigen Frage vom Sinn des Lebens, die nicht wenige in auswegloser Lebenssituation ebengerade deshalb in eine tiefe Krise zu stürzen vermag. Nur: muss das so sein?

 

Sinn und Zweck. „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst“, wie einst Goethe sehr sachlich feststellte. Mehr ist es in real und streng genommen eigentlich auch nicht. Die Frage, ob unser Dasein überhaupt irgendeinen Sinn hat, gar haben soll, außer eben dem, dass man sein Leben ohne weiteres Nachdenken, ganz einfach leben soll, macht die Frage über Sinn und Zweck eigentlich völlig überflüssig. Doch so klar, einfach und eindeutig scheint es vielen (glücklicherweise) nun doch nicht zu sein. Oder muss man jene eigentlich beneiden, die sich mir dieser, von so vielen Philosophen – nennen wir an dieser Stelle die alten Griechen Thales, Pythagoras, Diogenes, Heraklit, Parmenides, Protagoras, diese Auswahl stellvertretend für viele andere – intensiv gestellten Frage, überhaupt nicht und am besten nie beschäftigen? Weil man sowieso nichts am Leben ändern kann? Wie beispielsweise der österreichische Philosoph Günther Anders folgende provokante Frage stellte: „Warum setzen Sie eigentlich voraus, dass ein Leben, außer da zu sein, auch noch etwas haben müsste oder auch nur könnte – eben das, was Sie Sinn nennen?“

 

Ja, warum eigentlich? Rein naturwissenschaftlich betrachtet verfolgt das Leben nur den biologischen Sinn, der dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb des Menschen zu gehorchen hat – nicht mehr und auch nicht weniger, mehr ist eben nicht!  In einem Online-Forum schreibt ein Diskussionsteilnehmer über den Sinn des Lebens – Zitat: „Schaut euch die Tierwelt an. Die Tiere sind glücklich, da sie sich keine Gedanken wie wir Menschen machen und auch keine Religion brauchen. Sie leben und wissen gar nicht warum. Nur der Mensch fragt nach dem Sinn.“ Doch ist das Leben des Menschen wirklich nichts weiter als eine rein zufällige Existenz, die ohne Wenn und Aber einfach nur gelebt werden muss? Nichts anderes als ein bedeutungsloser Wimpernschlag in der Unendlichkeit in Zeit und Raum? Ganz sicher weiß der Mensch nur, dass er (und natürlich sie) ohne seinen Willen geboren wurde, dass er nur eine kurze, undefinierte Zeitspanne, die er irgendwie mit „Leben“ zu erfüllen vor sich hat und dass er irgendwann sterben wird. Dazu ein Zitat des Psychoanalytikers Erich Fromm: „Mit der Geburt wird der Mensch… in eine Situation hinein geschleudert, die nicht festgelegt, sondern ungewiss und offen ist. Nur in Bezug auf die Vergangenheit herrscht Gewissheit, und für die Zukunft ist nur der Tod gewiss. Er besitzt ein Bewusstsein seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Vergangenheit und der Möglichkeiten seiner Zukunft.“

 

Und trotzdem ist die uns hier beschäftigende, nicht nur philosophische Frage des Sinnes absolut interessant. Der amerikanische Psychiater und Forscher Adam Kaplin ist jedenfalls überzeugt, so ein Beitrag in einem aktuellen ZEIT-Magazin, dass es einem, wenn man einen Lebenssinn in seiner Existenz sieht, auch körperlich besser geht. Man könnte in Kaplin den „Anwalt des Sinns“ sehen.  Der Professor aus Baltimore will klarstellen, dass es ihm nicht um  einen „objektivierbaren Sinn“ gehe, sondern um das Innenleben des Menschen als Person, in seelischer wie körperlicher Hinsicht. Und für dieses sei es von zentraler Bedeutung, dass Menschen einen Sinn in dem erkennen, was sie tun. Dann gehe es ihnen gut! Dies belegt er mit entsprechenden Studienergebnissen. Alzheimer, Demenz, Schlaganfälle, Herzinfarkte – von solchen Erkrankungen sind Menschen, die einen Sinn im Leben sehen, deutlich weniger betroffen. Wer seinem Leben einen Sinn zu geben versteht, erkrankt demnach seltener an bestimmten Krankheiten. Auch wenn Sinnerfüllung die Menschen nicht vor schweren Krankheiten verschonen kann, so ist Kaplin allerdings sicher, dass der Sinn Menschenleben retten kann. Deshalb ist eben der Sinn des Lebens eine sträflich unterschätzte Medizin, den man allerdings weder pflanzlich noch synthetisch herstellen und auch nicht impfen kann! Er fordert jedoch, dass unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe darin bestehen muss, Hilfsangebote bereitzustellen, am besten für jeden Einzelnen. Er empfiehlt, dass schon in den Schulen darüber gesprochen werden sollte, worin man seinen Sinn im Leben findet, und dass auch in Krankenhäusern und Altenheimen dieses Angebot bestehen müsste, eine Reha für psychisch Erkrankte eingeführt werden soll, in der diese Menschen über den Sinn ihres Lebens nachdenken könnten, genauso wie Modelle der Sinnsuche im Rahmen eines psychologischen Coachings realistisch sei. Durchaus Anregungen, die unsere politische Klasse in ihre Parteiprogramme aufnehmen sollten, ja müssten, oder?

 

Der Psychiater hatte ein Vorbild, nämlich den Wiener Neurologen und Psychiater Viktor Frankl, der die sogenannte Dritte Wiener Schule der Psychotherapie begründete, Während Sigmund Freud im Willen der Lust den Antrieb des Menschen sah und der vom Autor dieses Beitrages bereits öfter thematisierte Alfred Adler im Willen zur Macht, bildete für Frankl eben der Wille zum Sinn den Kern des menschlichen Wesens!

 

Zitat des Wiener Psychiaters Viktor Frankl: „Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.“ Und Glück, so Kaplin noch, das sei etwas Tolles – aber er hält es für überbewertet. Glück ist generell in der Tat nur ein Gefühl des kurzen Momentes und verschwindet schnell wieder,  der Sinn, ja der bleibt!

 

Der Glaube kann Berge versetzen“, wie die Bibel bereits empfahl.

 

Besser jedoch: der Sinn kann das auch!

 

Frank Bertemes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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