Frank Bertemes: Krieg in Europa

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TOPSHOT - Ukrainian President Volodymyr Zelensky speaks during a press conference in Kyiv on March 3, 2022. - Ukraine President Volodymyr Zelensky called on the West on March 3, 2022, to increase military aid to Ukraine, saying Russia would advance on the rest of Europe otherwise. "If you do not have the power to close the skies, then give me planes!" Zelensky said at a press conference. "If we are no more then, God forbid, Latvia, Lithuania, Estonia will be next," he said, adding: "Believe me." (Photo by Sergei SUPINSKY / AFP) (Photo by SERGEI SUPINSKY/AFP via Getty Images)

„Blabla ist besser als Bumbum!“

Sir Winston Churchill – im Original: „To jaw-jaw is always better than to war-war.“

                                     

Winston Leonard Spencer-Churchill, der am 30. November 1874 geboren wurde und am 24. Januar 1965 verstarb, gilt als bedeutendster britischer Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Er war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Premierminister und führte Großbritannien durch den Zweiten Weltkrieg. Zuvor hatte er bereits mehrere Regierungsämter bekleidet, wie die des Ersten Lords der Admiralität und des Innen- und des Finanzministers. Darüber hinaus war er als Schriftsteller politischer sowie auch historischer Werke bekannt und erhielt 1953 den Literatur-Nobelpreis.

 

Heute gilt Churchill als einer der größten, jedoch auch umstrittensten Politiker des 20. Jahrhunderts. Er motivierte die Briten zum entschlossenen Kampf gegen Nazideutschland und hoffte auf die “Vereinigten Staaten von Europa“. Sein Charakter und so manche seiner rassistischen Äußerungen boten allerdings auch viel Anlass für Kritik. Seine Person ist wieder aktuell, lieferte er doch so manche Zitate im Kontext des Krieges, die absolut zutreffend sind. Im heutigen Zusammenhang des russischen Angriffs auf die Ukraine, der zwar schon länger zu befürchten war, trotzdem völlig überraschend eintrat, kann man sein folgendes Statement durchaus in den Kontext von Putins brutalem Angriffskrieg setzen: „Kein Krieg ist blutiger als der Erschöpfungskrieg, kein Angriff weniger erfolgversprechend als der frontale. Diesen beiden grausamen Kampfmethoden opferten die militärischen Befehlshaber Frankreichs und Englands die Jugendblüte ihrer Völker…Es wird für spätere Generationen nicht nur entsetzlich, sondern auch unverständlich sein, wenn sie erkennen, dass solche Opfer von den militärischen Machthabern einer opferfreudigen, heldenhaften Bevölkerung zugemutet wurden, die ihren Befehlen gehorchte. (…).“ Ob man sich in Russland nicht auch dieser Erkenntnis bewusst ist, dies ob des völlig irrsinnigen Angriffs auf ein Brudervolk, in dem junge russische Soldaten dazu gezwungen werden, auf unschuldige Menschen zu schießen und dabei riskieren, selbst getötet zu werden? Diese Fragen dürfen sich die russischen Soldaten offiziell natürlich nicht stellen, wissend, wie wenig ein Menschenleben in Putins Welt so wert ist….

 

Am 21ten Februar 2022 holte Kreml-Chef WIadimir Putin in seinem Arbeitszimmer, sich in feinem Anzug präsentierend, jedenfalls bei einer TV-Ansprache (später nicht nur verbal) zum Frontalangriff gegen die Ukraine aus, ein Land, das nach Putins Ansicht überhaupt nur dank Russland und des kommunistischen Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Lenin existiere. Besagter Lenin, der vor mehr als 100 Jahren die Grenzen gezogen habe, sei „…der Architekt der Ukraine“, so Putins Aussage an diesem denkwürdigen Montag, jedoch – so der russische „Herrscher“, der sich selbst wohl als Zar vorkommt- weiter, wende sich die Ukraine von dieser Geschichte ab und habe sich gar zum “Marionetten-Regime” der USA machen lassen. Putin hatte schon nach der Krim-Annexion deutlich gemacht, dass Russland sein Verhalten durch den Druck des Westens nicht ändern würde.  Damals wie heute erklärt der 69-Jährige sein Vorgehen mit dem Schutz der russischsprachigen Welt. Er sprach in seiner Rede von einem (Zitat) “Genozid” in der Ostukraine. Trotz aller intolerabler, absolut inakzeptabler Kriegssituation in der Ukraine, wäre es unfair, Russland allein die Schuld an dieser Situation zuzuschreiben, denn die Aktionen der US-Amerikaner und die nicht eingehaltenen Versprechen im Kontext der NATO-Osterweiterung und die diversen Provokationen an die Adresse Russlands, insbesondere jene, die direkt an Putin verbal geäußert wurden, waren sicherlich wenig hilfreich, wie heuer wohl jeder einsehen müsste. Nehmen wir beispielsweise jene wahrlich völlig überspitzte Provokation des Jahres 2014. Die „Welt“ titelte am 25. März 2014: „Obama verspottet Russland als Regionalmacht“, texto, „US-Präsident Obama sieht in dem Verhalten Russlands gegenüber der Ukraine ein Zeichen der Schwäche. Er verspottete Russland als „Regionalmacht“, die ihre Nachbarn bedrohe. Barack Obama wertet das Auftreten der russischen Regierung gegenüber den kleineren Nachbarstaaten des Landes als Zeichen der „Schwäche“. Russland sei „eine Regionalmacht, die einige ihrer unmittelbaren Nachbarn bedroht“, sagte Obama nach dem Ende des Gipfeltreffens zur atomaren Sicherheit im niederländischen Den Haag. Das Verhalten Moskaus resultiere jedoch „nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche“.

 

Man muss allerdings bedenken, dass das nach dem Zusammenbruch der UdSSR entwürdigte Russland, eine sehr stolze Nation, die von einem Präsidenten regiert wird, der entsprechend reagiert – auch wenn der von ihm ausgehende Angriffskrieg auf die Ukraine niemals zu entschuldigen sein wird. Diese Schmach, die Putin niemals ertragen wird, gefolgt von den an dieses große Land und an seine Person adressierten Provokationen, konnte er ob seiner Lebensgeschichte niemals so stehen lassen, dieses Risiko konnte dem Westen doch nicht entgehen, oder etwa doch? Das Versagen der Diplomatie ist doch wohl offensichtlich und das wieder „hinzukriegen“, darin liegt eine riesige Aufgabe, die auf die internationale Diplomatie auf allen Seiten nach dem Ende dieses Angriffskrieges und vor allem auch in der Nach-Putin-Ära sicherlich zukommen wird. Ist diese Aufgabenstellung überhaupt und mit nachhaltigem Effekt zu lösen?

 

Egal wie: Wir haben wieder Krieg in Europa! Wie sagte die neue deutsche Außenministerin, trotz der vorherigen Beteuerungen gewisser Vertreter der führenden politischen Klasse, die tatsächlich behaupteten, sie seien auf „jedes Szenario“ vorbereitet – was mitnichten der Fall war: „…Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht!“ Das sind wir in der Tat: zu Ende gegangen ist die nun 33-jährige Nachwendezeit in Deutschland und die heuer auch fast 80jährige Nachkriegszeit, die nicht nur die deutsche Politik tief geprägt hat. Vielleicht waren gerade diese verpassten Jahre, die so manches möglich gemacht hätten, und die schweren Fehler, die man ob nicht genutzter Chancen, die man nach dem Ende des Kalten Krieges in westlicher Überheblichkeit vertan hat, die leider realpolitische „Vorbereitung“ zu all den politisch-diplomatischen Irrungen und Wirrungen, deren Konsequenzen wir heute zu tragen haben und die darüber hinaus tatsächlich auch noch einen niemals erwarteten dritten Weltkrieg provozieren könnten?

 

Hoffen wir, dass dieser Super-GAU niemals eintreten wird! Dabei muss ein Mann besonders respektiert werden: Wolodymir Selenskyj, der vielbewunderte, von vielen Seiten applaudierte Präsident der Ukraine, der couragiert, bemerkenswert intelligent agiert und sich nicht so einfach unterkriegen lassen lässt – Respekt! Das wurde ihm nicht unbedingt zugetraut. Heuer sucht er den Dialog mit Putin, zeigt Kompromissbereitschaft im Kontext der Separatisten – Gebiete Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine und drängt nicht mehr auf eine NATO – Mitgliedschaft seines Landes – fragt sich bloß, in wie weit das alles den USA mundet…Interessant auch die Vermittlerrolle des französischen Präsidenten, dem dessen aktuelle (vermeintliche) Wichtigkeit in diesem Krieg selbstredend für seine Wiederwahl, die so ziemlich sicher zu sein scheint, nur nützlich sein kann. Ob Macron (und mit ihm die EU) endlich einmal ein ach so extrem wichtiges Resultat erzielen kann?

 

Vielleicht sogar gegen die Interessen der USA?

 

Man darf jedenfalls gespannt sein….

 

Frank Bertemes

 

 

 

2 COMMENTS

  1. Der Westen hat jahrelang die ausgereichte Hand Russlands für eine Freundschaft, für wirtschaftliche Beziehungen, für eine Annäherung beider Systeme ausgeschlagen. Anstatt das Gespräch und den Dialog in Augenhöhe zu suchen wurde dieses in Arroganz und Überheblichkeit als nicht mehr als ein freundliches Schwanzwedeln eines Hundes welcher die Beziehung zu einem Menschen sucht, abgetan. Mehr als ein Kopfstreicheln und paar niedliche Worte vom Westmenschen waren nicht drin. Trotz mehrerer Annäherungsversuche wurde das kontaktsuchende Tier schlussendlich als Störenfried mit einem Fusstritt von der politischen Weltbühne gestossen. Dass dieses demütigende Abwaschen und Erniedrigen eines der kultureichsten Länder dieser Erde von einem “Hamburger-und-Pommes” Buden Betreiber auf die Dauer nicht gutgehen konnte zeigt und der jetzige ukrainische Konflikt. Ein Krieg welcher Schäden und Leid auf europäischem Boden hinterlässt, dafür aber riesige Gewinne für die Waffenindustrie des besagten MacDo-Landes und deren europäischen Korbträger. Wo auch immer diese “pseudo-Demokratie” propagierende Weltmacht sich als Sheriff aufplusterte, hat sie Zerstörung, Tod, Chaos, Armut und Misere hinterlassen… alles im Sinne des “american way of life” und natürlich alles uneigennützig der eigenen wirtschaftichen und politischen Interessen. “Somebody has to rule the world…”

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