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Gesellschaft

Thierry Simonelli: Ist das Böse banal? Gedanken zu Jonathan Glazers The Zone of Interest (2024) 

Thierry Simonelli: Ist das Böse banal?  Gedanken zu Jonathan Glazers The Zone of Interest (2024)
Bild von alanbatt auf Pixabay

Diesseits der Mauer

Ein sonniger Sommernachmittag. Familie Höß sitzt beim Sonntagsausflug auf einer Wiese in Seenähe. Die Mutter kümmert sich um die spielenden Kinder. Man lacht, man isst, man rennt umher, man schreit vor Vergnügen. Der Vater steht etwas abseits, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, den Blick abwesend in die Ferne gerichtet.

Ein paar Momente später: Die Mutter pflückt wilde Früchte mit den Mädchen. Der Vater, unten am See, Hände in den Hüften, abwesender Blick, ist bei den Jungs. Die raufen, werfen einander ins Wasser, lachen, quietschen vor Freude, suchen vergebens den anerkennenden Blick des Vaters.

Woran denkt dieser Mann? Denkt er überhaupt?

In dieser Position wird man den Mann noch einmal im Film sehen, wenn man weiß, wer dieser abwesende, aber liebevolle Vater und Ehemann ist, der seinen Töchtern abends am Bett Märchen vorliest und vor dem Einschlafen mit seiner Frau von schönen Italienreisen träumt.

Die zweite Szene, in der er, wie am Seeufer, mit in die Hüften gestemmten Händen zu sehen ist, ist zugleich die einzige Szene, die innerhalb der Mauern des Vernichtungslagers spielt. In der Uniform des Obersturmbandführers, in einem dichten Nebelmeer, aus dem die entsetzlichsten Schreie und Schüsse dringen, scheint der Familienvater wieder wie abwesend. Abwesend von den Gräueltaten, die um ihn herum unter seiner Führung begangen werden. Der Zuschauer kennt die alptraumhaften Ereignisse, inmitten derer Höß teils unberührt, teils angewidert in eine unbegreifliche Leere blickt.

Bild von Marta Moreno auf Pixabay

Der Mann, den Glazers Inszenierung zuerst als netten Familienvater darstellt, ist niemands anderes als der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß. Höß war im März 1941 von Heinrich Himmler höchstpersönlich – Auftrag direkt von Hitler – mit dem Aufbau und der Leitung des größten Vernichtungslagers der Weltgeschichte beauftragt worden (Hilberg, Bd. III, S. 881). Höß war nach eigenen Angaben im Nürnberger Prozess direkt für die Ermordung von bis zu 2,5 Millionen Juden verantwortlich (Gilbert, 1961, S. 229).

Er war es auch, der ab Herbst 1941 den Einsatz von Blausäure-Pellets der Firma Tesch & Stabenow – Internationale Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.h. – wegen ihrer Wirksamkeit für den systematischen Einsatz zum qualvollen Erstickungstod in den vorgetäuschten Duschräumen von Auschwitz veranlasste.

Das ist, in aller Kürze, das Prinzip des Szenarios, das Jonathan Glazer den Zuschauern seines Films zumutet. Während Vater Höß beruflich damit beschäftigt ist, am Tag bis zu 10’000 Juden (nach eigenen Aussagen) zu ermorden und mit deutscher Ingenieurskunst – mit den Dreimuffelöfen der Firma J. A. Topf & Söhne – 24 Stunden am Tag einzuäschern, kümmert sich Mutter Höß warmherzig um die fünf Kinder, den prachtvollen Garten und das kleine Freiluftplanschbecken am Rand der Lagermauer. Glazer filmt das Kleinbürgerleben der sozialen Aufsteiger vor dem Hintergrund des Grauens, das man hinter der Lagermauer zwar nie sieht, aber dennoch jederzeit hört.

Der Zuschauer ist so von Anfang an der unerträglichen Situation ausgesetzt zu sehen, wie perfekt die Familie Höß die Schreie des Leidens, Folterns und Mordens, die über die Lagermauer dringen, überhört. Das schauerliche Brummen der Öfen, die Schüsse, das Geschrei der Mörder und die Aufschreie der Oper scheinen im Gartenparadies weder für die Familie noch für ihre Besucher zu existieren. Das Blut, das an Vaters Stiefel klebt, wenn er zum Abendessen nach Hause kommt, sieht nur der Diener, der sie im Verborgenen abwaschen muss.

Das Paradies der netten blonden Familie mit ihrem biederen Alltag diesseits der Mauer nährt sich vom unfassbaren industriellen Mord an Millionen Menschen jenseits der Mauer.

Die Banalität des Bösen

Auf den ersten Blick erscheint Glazers Film wie eine konsequente Anwendung von Hannah Arendts Begriff der „Banalität des Bösen“ aus der Täterperspektive. Der Name des Begriffs ist in der Zwischenzeit zu bekannt, zu abgegriffen und abgetragen, um an den Skandal zu erinnern, den er bei der Veröffentlichung von Arendts Artikeln über den Eichmann-Prozess im New Yorker Magazin 1961 verursachte. Die Banalität des Bösen wurde selbst zur Banalität. Aber The Zone of Interest bringt es wie wenige Filme oder Bücher fertig, diese Banalität in ihrem ganzen Erschrecken noch einmal aufleuchten zu lassen.

Wie ist es möglich, dass der Verantwortliche für die Vernichtungslager von Auschwitz, dessen Taten jede noch so angestrengte Vorstellungskraft übersteigen, ein Privatleben führt, das sich in nichts von dem eines durchschnittlichen friedfertigen hohen Staatsbeamten unterscheidet?

Bild von Ron Porter auf Pixabay

Arendt wollte mit dem Oxymoron der „Banalität des Bösen“ selbstverständlich nicht ausdrücken, dass das Böse oder gar der Holocaust in irgendeiner Weise banal seien. Banal sollte, in Arendts Perspektive, die Person des beamteten Verwalters des Holocausts sein. Die Banalität des Bösen war auf die Person von Adolf Eichmann bezogen und, mit ihm, auf einen Typus von Menschen, der beim Erfüllen seiner beruflichen Pflicht nicht an das zu denken vermag, was er tut. Der Typus vom Menschen, den Arendt zeichnen wollte, war der des „Schreibtischtäters“, ein Massenmörder „der kein spezifisches Unrechtsbewusstsein aufzubringen vermochte“ (Arendt, 2012, S. 20). Ein Mensch, so Arendt, der unfähig ist zu denken.

Die größten Unmenschen der Menschheitsgeschichte, so Arendt, seien banale Beamte gewesen, ohne Ideen, aber mit wichtigen Ämtern, ohne Einsicht, aber mit größter Effizienz, ohne Charisma, aber mit ehrgeiziger Arbeitsethik: „Eichmann“, schreibt Hannah Arendt, „war nicht Jago und nicht Macbeth, und nichts hätte ihm ferner gelegen, als mit Richard III. zu beschließen, »ein Bösewicht zu werden«“ (ebd., S. 56). Eichmann war für Arendt, genauso wie Hitler selbst, kein Shakespearescher Bösewicht, kein Miltonscher Satan, sondern ein lächerlicher „Clown“ (Young-Bruehl, 1982, S. 331).

Menschen wie Eichmann, so Arendt, seien weder sadistisch motiviert, noch hätten sie „böse Triebe“ im Allgemeinen oder einen Hass auf Juden im Besonderen. Das einzige Motiv des „Verwaltungsmassenmörders“ Eichmann sei gewesen, dass er als ehrgeiziger Beamter nach beruflichem Aufstieg, höheren Positionen und größerer Anerkennung durch die Hierarchie strebte. Eichmann, der seine Karriere im Auge hatte, habe ab 1941 vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin aus die Ermordung der europäischen Juden organisiert, ohne jede Mordlust, ohne jeden Mordstolz, ohne jeden Judenhass.

Die unangemessene Banalität

Es ist vielleicht einer der überraschendsten und verstörendsten Eindrücke von Glazers The Zone of Interest, dass er gleichzeitig den von Arendt intendierten Horror der „Banalität“ des Bösen zeigt und den Betrachter doch nicht mit dem Gefühl zurücklässt, das bereits Verstandene lediglich aus einer neuen Perspektive zu erleben.

So banal der Alltag der Familie Höß in seiner Darstellung erscheint, so schnell wird dem Betrachter nämlich klar, dass diese Banalität selbst nur eine Darstellung ist. Eine Darstellung, die davon lebt, dass das wirkliche Grauen nach Kräften ignoriert wird. Zur Banalität des Bösen gehört, dass die Banalität selbst nur die groteske Verschleierung des Unsagbaren ist.

So vermag es Glazer die in der Zwischenzeit gut dokumentierte Fehlspekulation von Hannah Arendt über die Nazitäter mit in seine filmische Darstellung hineinzunehmen. Das Böse ist nicht banal und auch die dargestellten Bösen sind es in keinerlei Hinsicht (S. Adler, 2017, Parvikko 2021). Was bei Arendts Darstellung von Eichmann als Schreibtischtäter vielleicht noch glaubwürdig erscheinen mochte, lässt sich im Falle des Lagerkommandanten Höß nicht einmal mehr vortäuschen.

Arendt, die in Wirklichkeit nur knapp der Hälfte der Sitzungen des ersten Eichmann-Prozesses beiwohnte, jedes Gespräch mit dem Chefankläger und den anderen Anklägern verweigerte und auch im Revisionsprozess nicht mehr anwesend war, hat zwar ein „Meisterwerk der Fiktion“ (Adler, 2017, S. 76) vorgelegt, sich aber letztlich von der Selbstdarstellung Eichmanns unter der Regie der Verteidiger blenden lassen.

Eichmanns „Charakter“ des gedanken- und gefühllosen „Rads in der Maschine“ war nämlich bloß eine Wiederholung der Verteidigungsstrategie der Nürnberger Prozesse (1945-46). Als der Prozess verloren war und Eichmann die Maske seiner Charakterfigur niederlegte, verdeutlichte er seinem Anwalt mit klaren Worten, was er vom gedankenlosen Befehlsbefolger hielt: „Ich kann das Wort ‚Rad‘ nicht mehr hören, denn es ist nicht wahr“ (Gerlach, 2001).

Gustave Gilbert, der amerikanische Psychologe, der sich während der Nürnberger Prozesse ausgiebig mit den hohen Nazibeamten unterhalten hatte, zeichnete ein entsprechend befremdendes Porträt vom 46-jährigen Rudolf Höß.

Bild von Barak Broitman auf Pixabay

Als Reaktion auf Hermann Görings Unglauben am Ausmaß der täglichen Vernichtung in Auschwitz (s. Gilbert, 1961, S. 229) erklärte Höß dem Psychologen, dass es „technisch“ nicht nur keine Schwierigkeit darstellte, 10‘000 Menschen am Tag zu ermorden und einzuäschern, sondern dass es möglich gewesen wäre, noch mehr zu töten. Zur Frage der Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit seiner Taten antwortete der Lagerkommandant von Auschwitz dann nur kurz: „Das hat damit nichts zu tun.“ (Gilbert, 1961, S. 230)

Arendts schriftstellerisches Verdienst war es zweifellos, den über 1200 Seiten von Raul Hilbergs Studie Die Vernichtung der europäischen Juden ein theatralisiertes, personifiziertes Gesicht von metaphysischer Tragweite gegeben zu haben. Das Bild, das Glazer zeichnet, ist jedoch differenzierter und verstörender als Arendts erfundene Figur und näher an Hilbergs empirischen Untersuchungen. Psychologische Erklärungen, auch wenn sie, wie bei Arendt, zu philosophisch-begrifflicher Allgemeinheit zugespitzt werden, können niemals erklären, wie Menschen wie Eichmann oder Höß zu den Gräueltaten fähig waren, die sie über Jahre hinweg systematisch, mit Eifer und Stolz begingen.

Der industrielle Völkermord ist undenkbar ohne die Mobilisierung des „totalen Staates“, dessen administrative Herrschaftsgewalt sich uneingeschränkt auf das gesamte gesellschaftliche Leben erstreckt. Staat, Industrie und Finanzwesen waren im nationalsozialistischen Völkermord zu der vorgeblichen gemeinsamen und einheitlichen Mission verbunden, den Staat zu schützen und das deutsche Volk gegen seine Feinde zu verteidigen.

Selbstverständlich fungierten die Beamten des Nazi-Staats auch als Räder in der „Zerstörungsmaschine“ (Hilberg). Aber die alles durchdringende NSDAP verlieh den Führungskräften einen Idealismus, „ein Gefühl der ‚Mission‘ und eine Vision, Geschichte zu schreiben“ (Hilberg Bd. I, 1985, S. 62), mit denen Leute wie Eichmann und Höß nicht bloß gedanken- und verantwortungslos Befehle ausführten. Der Völkermord war für sie eine Berufung, ein Lebenssinn, den sie hochmütig mit Stolz und Hingabe ausführten. Das hat Glazer in seiner Inszenierung des Rudolf Höß nicht vergessen. Glazers Lagerkommandant ist kein gedankenloser Clown. Er weiß, was er tut, bis hin zu den kurzen Zuckungen von „Unrechtsbewusstsein“ am Ende des Films.

Bei seiner Rede zum Literaturnobelpreis von 2002 erinnerte Imre Kertész daran, dass „seit Auschwitz nichts geschehen ist, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte.“ Diese Erinnerung aus der Vergangenheit erklärt auch das unerträgliche Gefühl, mit dem The Zone of Interest seine Zuschauer in der Gegenwart zurücklässt.

Thierry Simonelli

Bibliographie

  • Adler, Judith. 2017. „Eichmann in Jerusalem: Heuristic Myth and Social Science“. S. 75–106 in The Anthem Companion to Hannah Arendt, herausgegeben von P. Baehr und P. Walsh. Ort? Anthem Press.
  • Arendt, Hannah. 2010. Eichmann in Jerusalem: ein Bericht von der Banalität des Bösen. 5. Aufl. München: Piper.
  • Daskalakis, G. D. 1937. „Der totale Staat als Moment des Staates“. Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 31(2): 194–201.
  • École des Hautes Études en Sciences Sociales, Hrsg. 1985. L’Allemagne nazie et le génocide juif : colloque de l’École des Hautes Études en Sciences Sociales. Paris : Éd du Seuil.
  • Gerlach, Christian. 2001. “The Eichmann Interrogations in Holocaust Historiography.” Holocaust and Genocide Studies 15(3): 428–452.
  • Gilbert, Gustave M. 1961. Nuremberg Diary. New York: Signet Book.
  • Hilberg, Raul. 1985. The Destruction of the European Jews. Vol. I. Rev. and definitive ed. New York: Holmes & Meier.
  • Hilberg, Raul. 1985. The Destruction of the European Jews. Vol. III. Rev. and definitive ed. New York: Holmes & Meier.
  • Parvikko, Tuija. 2021. „Prologue: On Recent Interpretations of Hannah Arendt’s Eichmann in Jerusalem“. In Arendt, Eichmann and the Politics of the Past. Helsinki University Press.
  • Pines, Sarah. 2024. „‚The Zone of Interest‘: Von Urlauben träumen, während nebenan menschliche Asche weht“. DIE WELT. (https://www.welt.de/kultur/article250311298/The-Zone-of-Interest-Von-Urlauben-traeumen-waehrend-nebenan-menschliche-Asche-weht.html).
  • Young-Bruehl, Elizabeth. 1982. Hannah Arendt: For Love of the World. New Haven, CT: Yale University Press.

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