Lieserbréif Frank Bertemes: Die Vergessenen (ALS-Krankheit)

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„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“ (Auszug aus dem Eid des Hippokrates)

Ein Textpassus der eigentlich ein Must für die Gesundheitspolitik insgesamt sein müsste. Eine Gesundheitspolitik, die sich in letzter Zeit allerdings heftiger Kritik ausgesetzt sieht und die einem totalen Gerechtigkeitsprinzip entsprechen müsste.  Der kranke Mensch, der Patient muss das Zentrum, die absolute Priorität des politischen Handelns und der medizinischen Behandlung sein, unabhängig vom jeweiligen Krankheitsbild. Wahr scheint jedoch eher das Gegenteil zu sein…

ALS – die Amyotrophe Lateralsklerose oder auch die Charcot-Krankheit ist ein Beispiel, das man in diesem Kontext durchaus erwähnen darf. Wie werden diese Menschen – die absolut im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, und die darüber hinaus ihren Familien und auch dieser Gesellschaft dementsprechend durchaus dienlich sein können – jedoch „behandelt“? Hat ein Staat das Recht, eine Vogel – Strauß – Politik zu betreiben und gewisse Patienten einfach ihrem fatalen Schicksal zu überlassen? Wo bleibt die Ethik, wo der dezidierte Widerspruch?

Bemühen wir in diesem Zusammenhang die Philosophie Platons.  In seinem Essai Herrschaft, Gesetz und Gerechtigkeit Eine Betrachtung der staatsphilosophischen Werke Platons, schreibt Dipl.- Päd. Karsten Rohr, Zitat einer Textpassage: In seinen politischen Spätwerken, den Dialogen Politikos und Nomoi, diskutiert Platon die Frage, inwiefern sich das Gute, d.h. das Gerechte, unter den Bedingungen des Alltagslebens – der gesellschaftlichen Realität in allen Bereichen (Zusatz des Verfassers dieser Zeilen) – entfalten kann und wo danach zu suchen wäre. Insofern bleibt Platon seinen früheren Betrachtungen treu, steht doch auch die Politeia unter der Prämisse, das Gerechte zu suchen und es am Beispiel des Staates, in dem jedem das Seine zukommt, schlussendlich zu finden. Der Politikos – das (nach Kurt Schilling) „Mittelglied zwischen den zwei großen staatsphilosophischen Werken“ – greift dieses Idealbild der gerechten Gemeinschaft unter guter Führung des weisen Staatsmannes erneut auf und erweitert diese Betrachtung um die Beschreibung der guten Staatsform unter Realbedingungen, während sich die Nomoi, Platons letztes überliefertes Werk, mit dem Versuch beschäftigen, das Gerechte in die institutionelle Form eines Staates zu gießen und somit zu bewahren; für den in der Realität offensichtlich häufig anzutreffenden Fall, dass der im Politikos beschriebene weise Staatsmann nicht anzutreffen ist.“

Der weise Staatsmann, der nicht anzutreffen, in der Tat abwesend ist! Um in unserem Kontext der Gesundheitspolitik und der entsprechend unserer Verfassung garantierten Gleichheit der Luxemburger vor dem Gesetz auch und vielleicht besonders zu bleiben, gilt es, jede Krankheit als gleichwertig anzusehen und den Staat als ethischen Garanten dieser Gleichheit vorauszusetzen – was im Falle von ALS-Kranken  (so direkt Betroffene) leider nicht der Fall zu sein scheint. Sind diese Menschen die „Vergessenen“ unseres Gesundheitssystems und werden auch nicht mehr menschenwürdig „behandelt“? Wissend, dass diese Patienten unter spezifischen Voraussetzungen, die durchaus machbar sind (siehe weiter unten im Text), absolut leben können! Hat der Staat und dessen Gesundheitssystem, das Recht, Prioritäten der Behandlung nach Krankheitsbildern zu setzen, die darüber hinaus auch noch von den (medikamentösen) Behandlungsmöglichkeiten der allesbeherrschenden Pharmaindustrie abhängen? Wessen Wille geschehe? Der Wille einer Pharmaindustrie, die definiert, was für diese (finanziell und sicherlich nicht ethisch) „interessant“ ist und was nicht? Ab dem Tag, wo man (hoffentlich) eine wirksame Behandlungsmethode, die Heilung verspricht, finden wird, wird sehr schnell alles ganz anders sein und auch jene Patienten, die an ALS leiden, nicht mehr ignoriert werden. Eine nach neoliberalen Vorgaben funktionierende „Gesundheitspolitik“, die man auch als „Krankheits-Geschäftspolitik“, die dem (neoliberalen) sakrosankten Prinzip Profit zu gehorchen hat, definieren muss, darf nicht mehr toleriert werden. In diesen Kontext passt auch die Aussage des VKD*-Präsidenten Dr. Josef Düllings: „Ich glaube, wir sind so weit, dass wir das Ende des Kapitalismus im Gesundheitswesen fordern müssen.“ Eine wahrlich richtungsweisende Aussage…

Alle kranken Menschen und eben auch solche Patienten, die an ALS oder ähnlichen Pathologien erkrankt sind, müssen gleichwertig angesehen und behandelt werden. Es ist ethisch total unverantwortlich, eine Krankheit gegen die andere „auszuspielen“, die Kranken und ihre Angehörigen, die mitleiden, im Regen stehen zu lassen und auf Nachfrage hin jene Idealisten zu bemühen, die sich eingehend mit der Materie beschäftigen, ja darüber hinaus beispielsweise (siehe unten) in Eigeninitiative Pilotmodelle der ALS-Betreuung anbieten. Ist es nicht schlimm, dass man so etwas überhaupt thematisieren muss und das in leider zurückgekehrten Kriegszeiten, wo der Mensch seine Armseligkeit wieder einmal unter Beweis stellt, und die finanziellen Mittel für Waffenkäufe im Interesse der Waffenlobby ohne großen Widerstand unter dem Diktat der NATO problemlos fließen? Ist das eine verantwortungsvolle Politik im Interesse der Menschen? In einer Welt, in der sich viele eine anständige medizinische Behandlung nicht einmal ansatzweise leisten können?

Besonders schlimm im vorliegenden Falle von ALS – Kranken ist die Tatsache, dass ein bestehendes Politmodell „Krankenversorgung in der eigenen Wohnung“, das von der Familie Nathalie und Jean-Marc Scheer-Pfeifer (cf. asbl „Wäertvollt Liewen“) eingerichtet und sämtlichen politischen Parteien sowie vielen Organisationen im Detail vorgestellt wurde, ein Modell, das in der Tat als Beispiel für eine allgemeine Organisation der praktischen Anwendung dieser Methoden gelten kann, trotz lobender Worte und (leeren) Versprechungen, einfach nicht allgemein umgesetzt wird.

Zusammengefasst gefragt: Was tun, wenn einem Menschen eine derartige Diagnose mitgeteilt wird? Siehe oben…

Zu einem vollkommenen Menschen gehört die Kraft des Denkens, die Kraft des Willens, die Kraft des Herzens.“ (Ludwig Feuerbach)

 

Die Kraft des Herzens

 

Wo schlägt das Herz der Politik?

 

 

Frank Bertemes

  

*VKD =   Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands

1 COMMENT

  1. Noch eine wichtige Präzision zum Thema: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948. Diese gilt als ein entscheidendes Dokument der internationalen Politik, auf das sich die Staaten geeinigt haben. Sie ist die Basis aller weitergehenden menschenrechtlichen Vereinbarungen. Mit diesen allumfassenden Prinzipien bekennen sich die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedstaaten zur Gewährleistung, Förderung und zum Schutz der Menschenrechte. Oder gilt etwa doch unseres Staatsministers realpolitisches Statement anlässlich seiner rezenten Rede vor der UNO-Vollversammlung, texto: “Die Vereinten Nationen sind das, waas wir aus ihnen machen?” ….das dann wohl auch für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt? Im Klartext Artikel 25 derselben: 1. «Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Lebenshaltung, die seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschliesslich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet; er hat das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwitwung, Alter oder von anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.»
    Alles nur vollmundige Phrasen, die nichts wert sind?

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