„Bommeleeër“ oder das Drama einer Staatsaffäre

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„Bommeleeër“ oder das Drama einer Staatsaffäre

Das Schweigen ist eine furchtbare Waffe.“

Marcel Proust

“Bommeleeër“- Das Großherzogtum Luxemburg und seine Skandale. Die international eher wenig bis gar nicht bekannt sind. Weil dafür auch bestens gesorgt wird. Immer nur gut dastehen, „Nation branding“ (besser Nationblending) nach Außen hin betreiben (siehe beispielsweise die weltweit einmalige Einführung eines Gratis-ÖPNV ab März 2020!), die (längst überlebte)Staatsform einer (konstitutionellen) Monarchie unter allen Umständen verteidigen, alle Formen von Volksbefragungen (selbst bei der heuer aktuellen, längst überfälligen  Verfassungsänderung des Landes wäre ein Referendum absolut angesagt)  mit allen Mitteln vermeiden – darum geht es einer politischen Klasse, die sich in ihrer Selbstüberschätzung und oft peinlichen Arroganz täglich selbst übertrifft und die die diversen Skandale, die man seit ewigen Jahren tunlichst unter einem riesigen Teppich zu „entsorgen“ pflegt, in konzertierter Polit-Solidarität der mehr als fragwürdigen Art  parteiübergreifend zu ignorieren sich erlaubt. Roter Teppich für Luxemburg? Wie einige so meinen? Mitnichten! Das (vermeintlich) „reichste Land der Welt“, das absolute Schlaraffenland, mit riesigen Einkommen und Rentenbezügen, wie man im Ausland leider oft so annimmt, und so wie verschiedene Politiker*innen des Landes ebendieses in ihrer Megalomanie, wohl als (ironisch betrachtet) direkte Folge vom bald legalisierten Cannabis (bisher heimlich in rauen Mengen konsumiert) in ihrem Rausch der Sinne verursacht, tatsächlich „vermarkten“  wollen –  allerdings die Realitäten von rund 20 Prozent Armut im Ländchen völlig ignorierend. Darüber spricht man eben nicht! Genau so wenig wie über die traurige Bilanz in puncto Volkskrankheit Depression, Suizidrate, Mobbing oder sonstige soziale Probleme…Die Wirklichkeit im vermeintlich so „reichen“ Land der politisch wohl gepflegten Zuschauerdemokratie sieht nämlich ganz anders aus – sehr viel anders, als man das im Ausland fälschlicherweise voraussetzen könnte, wenn man von Luxemburg spricht. Der reale Ist– Zustand des Landes ist in diversen Bereichen in der Tat mehr als bedenklich…

Und dass in unserem  wirklich sehr schönen Land im Herzen Europas, das dem Autor dieses Beitrages sehr wohl als Heimatland sehr viel bedeutet und dementsprechend am Herzen liegt, politische Skandale, wie schon bemerkt, so gerne unter den berühmten Teppich gekehrt werden, soll der Leserschaft mittels einer Affäre, die unser Ländchen  seit nun bereits rund 35 Jahren in Atem hält, vorgestellt werden. Um was geht es? Nun, eigentlich um nichts direkt Neues, denn die Theorie des inszenierten Staatsterrors geistert schon sein einigen Jahren durch die Gerüchteküche eines europaweit seit Jahren hochdiskutierten Dossiers, das eben auch hierzuländchen durchaus „stattgefunden“, sprich sich mitabgewickelt hat.  Stichwort: NATO – Präzision: Geheimtruppen – Netzwerk: Gladio oder Stay-Behind. Übrigens ein Top-Thema des bekannten Schweizer Free21 – Autors Dr. phil. Daniele Ganser, der bereits öfters über dieses Reiztopic der besonderen Art geschrieben hat und damit beweist, dass der Luxemburger Teppich sich durchaus europaweit ausgebreitet hat – nichts Neues eben! Diese Geheimorganisation der NATO, die von etwa 1950 bis mindestens 1990 existierte und sich zu Zeiten des Kalten Krieges über das damalige Westeuropa erstreckte, hatte durchaus zielgerichtete Aufgaben. Ursprünglich aus der italienischen Geheimarmee der NATO ausgehend, die zur Aufgabe hatte, durch gezielte Aktionen, sprich mittels Terroranschlägen und sogar Morden, die politische Linke zu diskreditieren, besonders die in Italien traditionell starke Kommunistische Partei PCI. Geheimdienstliche Stellen sorgten durch Verbreitung von Falschinformationen und Fälschung von Beweisen dafür, dass die Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden, vor allem den Roten Brigaden. Anderen  Quellen zufolge waren Gladio, Glaive etc. von Anfang an innenpolitische Instrumente gegen starke kommunistische Parteien wie neben Italien auch in Frankreich und Belgien, also eine Art innenpolitische Putschtruppe.

Die Existenz dieser militärischen Geheimorganisation der NATO, die unter diversen Codenamen je nach Staat agierte, wurde vor der Bevölkerung und den jeweiligen Parlamenten geheim gehalten und war nur einem elitären Kreis von verantwortlichen Politikern bekannt. Der heutige Ehrenstaatsminister Luxemburgs Jacques SANTER gab einem Presse-Bericht zu Folge auf eine Dringlichkeitsanfrage des damaligen Abgeordneten und heutigen EU–Parlamentariers der Demokratischen Partei Luxemburgs, Charles Goerens, eben zum Thema Gladio (aufgrund eines Artikels des luxemburgischen Spitzenjournalisten  der Wochenzeitung „Land“,  Romain Hilgert, betreffend die Enthüllung eines „Stay behind-Netzes“ in Luxemburg,  erschienen am  10. November 1990) vor dem luxemburgischen Parlament auf dem „Krautmarkt“ der Hauptstadt  die Existenz einer solchen Geheimorganisation in Luxemburg zu. Des Weiteren ließ er durchblicken, dass unser Geheimdienst, der Service de Renseignement, der der direkten Autorität des Staatsministers untersteht, das Netzwerk hierzulande betrieb.

Maître Gaston Vogel, Luxemburgs Spitzenanwalt der Extraklasse und engagierter Verfechter der Bürgerrechte, spricht von Omertà, dem Gesetz des Schweigens. Der prominente Anwalt war bereits Anfang der 60er Jahre politisch  – jedoch nicht  parteipolitisch –  aktiv, engagierte sich auf Seiten der Algerier gegen den französischen Staat, setzte sich für Kuba ein und war ein vehementer Gegner des Vietnamkriegs. Der temperamentvolle Anwalt ist berüchtigt für pointierte und vielbeachtete Aussagen, erklärter Gegner von Kirche und Monarchie, als profunder Humanist jedoch ein durchaus tiefgründiger Intellektueller, der als Buchautor und talentierter Fotograf in Kombination beachtliche Bücher,  neben fachjuristischen Themen ebenfalls über Christentum, Buddhismus, Nietzsche und Marcel Proust, veröffentlichte. Der passionierte Kunstsammler und Naturfreund gab auch herrliche Bildbände über von ihm fotografierte Steine und Bäume heraus. Als passionierter Indienexperte, ein Land, das er oft bereist und das ihn wie kaum ein anderes begeistert hat, schrieb er erst kürzlich ein wahres, humanistisches  Meisterwerk in Text und Fotos. Gaston Vogel ist jedenfalls ein lebendes Beispiel dafür, dass wahrer, atheistischer Humanismus keine Illusion ist…Im sogenannten Bommeleeër-Prozess, um den es auch in diesem Beitrag wieder einmal gehen soll,  und der seit Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist, verteidigte Me Gaston Vogel einen der angeklagten Polizisten, denen die mysteriösen Bombenanschläge, die das Land  zwischen 1984 und 1986 wahrlich in einen Schock-Zustand versetzte, mit zur Last gelegt wird. Im Rahmen dieses Prozesses musste nicht nur der Luxemburger Geheimdienst Federn lassen, Gaston Vogel führte auch die Justiz vor. Nicht umsonst spricht man von einem Jahrhundertprozess und das in einer Affäre, die laut damaliger Aussage eines Untersuchungsrichters wohl niemals richtig aufgeklärt werden wird, weil eben nicht sein darf, was nicht sein soll, Zitat: „ Et ass eng Staatsaffaire, déi ni däerf opgeklärt ginn“.

Es wäre in der Tat wenig hilfreich, an dieser Stelle noch einmal alles zusammenzufassen, was über die vielen Jahre – und nicht umsonst sei die herausragende Berichterstattung des „Tageblatt“ an dieser Stelle erwähnt, speziell jedoch die akribische Recherchearbeit des leider verstorbenen, damaligen Journalisten, Theaterautors, wunderbaren Schriftstellers und herausragenden Lehrers der luxemburgischen Sprache,  Josy Braun.  Erinnert sei in diesem Kontext besonders an sein Buch mit dem aussagekräftigen Titel „Bommenteppech“, eine wahrlich köstliche Lektüre, ein Lesererlebnis, das als Roman im September 2004 veröffentlicht wurde. Pikant ist ebenfalls, dass Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ebenden ihm durchaus bekannten „Bommeleeërprozess“ anlässlich seines Besuches unseres Landes in einem inhaltlich sehr beachtlichen Interview des „Tageblatt“ ausdrücklich erwähnte, weilte der Politiker von „Die Linke“ Deutschlands auch zu Beginn des (heuer unterbrochenen) Prozesses in Mariens beschaulichem Ländle. Er enthielt sich jedoch, und das wohl in diplomatischer Zurückhaltung, jeglichen  Kommentars zur Sache, versteht sich…

Im Klartext: Die Schattenkrieger der NATO, oder auch die Partisanen der NATO „Stay Behind“, auch im Kontext BND und CIA genannt – alle in irgendeiner Form im „Bommeleeërdossier“ auftauchend  – und dann natürlich diejenigen, die als „Exécutants“, als Ausführende in der Praxis zuständig waren. Ebenso natürlich all jene, die, salopp gesagt, vor Gericht „singen“, sprich durchaus sämtliche Details zu einer Staatsaffäre, die niemals aufgeklärt werden darf, mittels ihrer Aussagen deutlich liefern könnten. „Et war net keen“, so ein immer wieder wiederholtes Zitat, das wohl klar sein dürfte. Gemeint sind militärische und politische Akteure diverser Verantwortungsbereiche im Kontext „Bommeleeër“, die heuer an kollektiver Amnesie leiden, die wohl unheilbar ist. Und im Falle einer Wunderheilung, falls also doch einer das Schweigegesetz brechen sollte, weil er aufgrund irgendeiner unerwarteten, taktischen Frage, beispielsweise seitens unseres bereits erwähnten  emsigen Anwalts Gaston Vogels, dann wie eine Ratte in der Ecke sitzend, auspacken sollte, wirft sich eine Frage auf: Darf man diesen Mann überhaupt bestrafen? Weil er in Ausübung seiner „Pflicht“ dem Staat, besonders aber der NATO gegenüber, seinen Job gemacht hat? Der seine ihm aufgetragene Mission, mit seinen Kollegen (wie so mancher in diesen rechts-konservativen Kreisen),  persönlich überzeugt oder nicht, quasi dienstlich erledigen musste? Dies im Interesse der (vermeintlichen) „Sicherheitslobby“ der konservativ–klerikalen Rechtsparteien Europas? Und dann noch: in wie fern ist die großherzogliche Familie ob ihrer direkten oder indirekten Kontakte mit der NATO respektive der Waffenlobby involviert? Eine Frage, die im Lande heftig debattiert wurde, eine Debatte, die in ihrer Konsequenz allerdings nach gewissen Auftritten eines immer wieder namentlich genannten Prinzen, der im Verdacht der direkten Beteiligung an Bombenexplosionen stand, natürlich im Sande verlief. Egal wie, diese europaweiten Sabotage – Aktionen diverser Art dienten  mittels allgemeiner  Verunsicherung den ureigenen Absichten der konservativen Parteien, ihrer politischen Machtabsicherung und natürlich den Interessen der Waffenlobby. Diese kriminellen Akte, die allerdings und sehr wohl Verbrechen darstellten,  sorgten für die Akzeptanz der drastischen Erhöhung der Militärbudgets und der Aufstockung der Effektive von Armee und Polizei – auch in Luxemburg! Und gerade hier kann man die Tragik dieser Affäre ansiedeln: Wer soll bestraft werden? Etwa wieder einmal, wie die Eisenbahner zu sagen pflegen, „de Lampiste“, der niedrigste im Rang? Auch wenn diese wahren „Täter“ im Kontext „Bommeleeër“ in der Beamtenhierarchie deutlich höher eingestuft sein dürften…Wie gewisse Namen, die immer wieder genannt wurden und werden, wohl eindeutig beweisen.

Schuldig im Sinne der Anklage – nur: Wer, und – besonders aber –  Für wen? In wessen Auftrag? Stay behind – Der Kampf hinter den feindlichen Linien gehörte zum Kernbestand militärischer Planung. Und  auch in der Zeit des Kalten Krieges,  im Rahmen der NATO,  war eine als “Gladio” firmierende “Stay behind“-Truppe europaweit aktiv – und ebenfalls in Luxemburg, die laut gewisser Aussagen unter Eid anlässlich des visierten Prozesses,  unter dem Befehl und der Kompetenz unserer Armee stand – heuer ein offenes Geheimnis. In diesem Zusammenhang deutlich ist (wie bereits erwähnt) der Schweizer Historiker Dr Daniele Ganser, Spezialist der Zeitgeschichte seit 1945 und der Internationalen Politik mit den Schwerpunkten Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik, Professor an der Universität St. Gallen, der ebenfalls im Rahmen des Bommeleeërprozesses zitiert wurde. NATO und Omertà, Stay Behindisten aktiv in Deutschland,  Italien, Belgien und eben auch in unserem Ländle Luxemburg, wie Maître Gaston Vogel sicherlich zurecht betonte. Kriminelle Aktionen ohne irgendwelche rechtlichen Folgen – als ob rein gar nichts gewesen wäre. Ein absoluter Skandal!

Doch die Machtelite des mächtigsten Staates der Welt, der Kriegsmacht USA natürlich, der absoluten Interessensvertretung der Waffenindustrie im Zusammenspiel mit der allgegenwärtigen, vermeintlichen „Sicherheitspolitik“ – die nur durch Waffen garantiert werden kann (trauriger geht’s wahrlich nicht!) will alle kritischen Stimmen mit dem sofortigen Vorwurf der „Verschwörungstheoretiker“ abfertigen und somit jeden mundtot machen, der in irgendeiner Form den empirisch durchaus messbaren Machtmissbrauch der USA anspricht, ein Imperium, das rücksichtslos und mittels der NATO und deren „geheimen Armeen“ absolut prioritär die eigenen Interessen vertritt, nach aktuellem Trump-Motto : „America first“! Ein Trauerspiel!

Wie Daniele Ganser jedoch betont, lassen sich heuer tausende von Menschen nicht mehr von gewissen „antiamerikanischen“ Stigmata, die sofort unterstellt werden – wie eben  neben dem Vorwurf des  „Antiamerikanismus“ das Stigma des Verschwörungstheoretikers –  abschrecken und greifen als kritische Mediennutzer mittels Artikeln wie diesem, Leserbriefen und Postings in (für einmal sinnvoll genutzten) sozialen Medien selber in die Debatte ein. Und so auch in die (tragikomische?) Debatte um die „vergessenen“ Bommeleeër…

Ach ja „Dramatiker sind Leute, die sich aufführen, als ob sie aufgeführt würden.“ So der deutsche Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer  Christian Morgenstern.

 

…oder die endlich vorgeführt,  besser noch überführt würden, die wirklichen Verfasser des Dramas! Und nicht (nur) ihre „Exécutants“….

 

Doch, so der Tageblatt-Journalist Marco Goetz heuer in einem Kommentar seiner Zeitung sehr zutreffend: „Wird die Mauer des Schweigens endlich fallen? 35 Jahre nach den ersten Attentaten? Sollte die Justiz da nicht zeigen, dass es perfekte, weil nicht aufzuklärende, Verbrechen auch im Großherzogtum nicht gibt? Es besteht berechtigter Zweifel daran, ob das gelingt.“

In der Tat – oder doch nicht?

 

Frank Bertemes

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