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Kultur

Dr. Sophie Schram und die Frauen von “Kleinitalien” 

Dr. Sophie Schram und die Frauen von “Kleinitalien”
Photo vun C hatGTP iwwerschafft

Mit ihrem mehr als 400 Seiten umfassenden Werk „Weibliche Lebenswelten und Erinnerungskulturen – Das Beispiel ,Kleinitalien‘ – ein Einwandererviertel in Luxemburg“ hat die Journalistin und Historikerin Dr.Sophie Schram bereits  2016  eine Forschungsarbeit vorgelegt, die weit über das hinausgeht, was gewöhnlich von einer Dissertation erwartet wird. Das Buch ist nicht nur eine wissenschaftliche Studie, sondern vor allem heute  ein bedeutendes Zeitdokument über die Geschichte der Migration, der Frauen und des sozialen Wandels in Luxemburg.Schon beim Lesen der Vorbemerkung und Danksagung wird deutlich, mit welcher Leidenschaft und welchem persönlichen Engagement die Autorin an dieses Thema herangegangen ist. Schram verbindet akademische Präzision mit einer tiefen menschlichen Neugier für die Lebensgeschichten jener Frauen, die lange Zeit kaum im Zentrum historischer Forschung standen. Während sich die Geschichtsschreibung Luxemburgs über Jahrzehnte vor allem auf die industrielle Entwicklung, die Stahlindustrie oder die Geschichte männlicher Arbeiter konzentrierte, richtet Dr. Sophie Schram den Blick auf jene Frauen, die das soziale Gefüge der Einwandererviertel entscheidend mitprägten, deren Stimmen jedoch oftmals ungehört blieben.

Kleinitalien als sozialer Mikrokosmos

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das Düdelinger Viertel „Kleinitalien“, ein Ort, der eng mit der Geschichte der

screenshot aus dem Buch vum Sophie Schram

Einwanderung nach Luxemburg verbunden ist. Schram beschreibt das Viertel nicht als bloße geografische Einheit, sondern als sozialen Mikrokosmos. Sie rekonstruiert mit beeindruckender Genauigkeit die Lebenswelten italienischer Familien, später auch portugiesischer Einwanderinnen sowie weiterer Migrantinnen unterschiedlicher Herkunft.

Dabei gelingt ihr etwas, was nur wenigen Historikern gelingt: Sie macht Geschichte lebendig. Hinter den Statistiken treten Menschen hervor. Hinter politischen Entscheidungen werden individuelle Schicksale sichtbar. Hinter den großen wirtschaftlichen Entwicklungen erscheinen die alltäglichen Erfahrungen jener Frauen, die Familien gründeten, Kinder erzogen, Nachbarschaften aufbauten und oft unter schwierigen Bedingungen ihren Platz in einer neuen Gesellschaft suchten.

Oral History als Herzstück der Forschung

Eine besondere Stärke des Buches liegt in der umfangreichen Nutzung von Oral-History-Quellen. Über viele Jahre führte Sophie Schram Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Diese Gespräche bilden das Herzstück der Untersuchung. Gerade dadurch erhält das Werk eine Tiefe, die in klassischen historischen Studien oft fehlt. Die Interviews offenbaren nicht nur die Geschichte der Migration, sondern auch Fragen von Identität, Zugehörigkeit, Ausgrenzung, sozialem Aufstieg und kultureller Integration. Sie zeigen, wie Einwandererfamilien Luxemburg verändert haben und gleichzeitig selbst von Luxemburg geprägt wurden.

Frauen im Zentrum der Erinnerungskultur

screenshot aus dem Buch vum Sophie Schram

Besonders bemerkenswert ist der Fokus auf Frauen. Viele historische Arbeiten behandeln Frauen lediglich als Randfiguren größerer Entwicklungen. Schram kehrt diese Perspektive um. Sie untersucht, wie Frauen Erinnerungen bewahren, weitergeben und damit kollektive Identitäten formen. Dadurch leistet das Buch nicht nur einen Beitrag zur Migrationsgeschichte, sondern ebenso zur Frauen- und Sozialgeschichte Luxemburgs.

 

 

Wissenschaftliche Strenge und menschliche Nähe

Die besondere Qualität des Werkes liegt in der Verbindung zweier Eigenschaften, die selten gemeinsam auftreten: wissenschaftliche Strenge und menschliche Nähe. Jede Aussage ist sorgfältig recherchiert. Zahlreiche Quellen, Interviews und historische Dokumente werden ausgewertet. Gleichzeitig verliert die Autorin nie den Blick für die Menschen hinter den Quellen. Diese Kombination macht das Buch sowohl für Historiker als auch für interessierte Leserinnen und Leser wertvoll.

Die Frage nach der öffentlichen Anerkennung

Eine Frage drängt sich beim Rückblick auf dieses außergewöhnliche Buch nahezu zwangsläufig auf: Weshalb hat eine derart umfassende und wissenschaftlich fundierte Arbeit in Luxemburg nie jene öffentliche Anerkennung erfahren, die ihr eigentlich zusteht? Mit mehr als 400 Seiten, einer beeindruckenden Quellenbasis und jahrelanger Forschungsarbeit stellt Dr. Sophie Schrams Untersuchung zweifellos einen der wichtigsten Beiträge zur Sozial-, Frauen- und Migrationsgeschichte Luxemburgs der vergangenen Jahrzehnte dar.

screenshot aus dem Buch vum Sophie Schram

Gerade in einem Land, dessen moderne Entwicklung ohne die Einwanderung italienischer, portugiesischer und anderer Migranten kaum denkbar wäre, hätte eine solche Studie eigentlich breite Aufmerksamkeit verdienen müssen. Kritiker des Luxemburger Kulturbetriebs sehen darin ein strukturelles Problem eines kleinen Landes, in dem kulturelle und akademische Netzwerke oft eng miteinander verflochten sind. In solchen Strukturen finden nicht immer jene Stimmen die größte Aufmerksamkeit, die die beste Forschung vorlegen, sondern oftmals jene, die besser in bestehende Netzwerke und Mainstreams eingebunden sind.

Die Causa Lunghi im Hintergrund

Sophie Schram galt hingegen stets als unabhängige Persönlichkeit. Als Historikerin und Journalistin bewegte sie sich

Privat

häufig außerhalb etablierter Denkmuster und war bereit, auch unbequeme Fragen zu stellen. Auch einem Generaldirektor !  Vor dem Hintergrund der späteren Ereignisse rund um diese sogenannte „Causa Lunghi“ erscheint die Bedeutung dieses Werkes heute in einem besonderen Licht. Für manche Beobachter war es schwer nachvollziehbar, dass ausgerechnet eine Historikerin und Journalistin, die sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit intensiv mit den Lebensrealitäten von Frauen, Migrantinnen und gesellschaftlich weniger beachteten Gruppen auseinandersetzte,  Ziel heftiger öffentlicher Angriffe wurde.  Gerade  sogenannte „Sonntags-Feministinnen“ – Freundinnen von Ex-Generaldirektor Lunghi – spielten bei diesem Trauerspiel eine armselige Rolle.  ( in späteren Reportagen mehr über dieses  “feministische”   Verhalten  gegenüber  einer angegriffenen Frau  ) .

Ein Werk von bleibender Bedeutung

Fakt ist: Die wissenschaftliche Leistung von Dr. Sophie Schram ist unbestritten. Ihr Werk über „Kleinitalien“ hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Im Gegenteil: Gerade weil die Autorin stets jenen Menschen eine Stimme gab, die in der Geschichte oft übersehen wurden, besitzt ihre Forschung heute eine besondere Aktualität.

Während viele kulturpolitische Auseinandersetzungen längst vergessen sein werden, besitzt ihre  Studie das Potenzial, auch in Zukunft als Referenzwerk zur Geschichte der Migration und zur Rolle von Frauen in Luxemburg herangezogen zu werden.

Gerade deshalb erscheint es angebracht, dieses Buch heute  als historisches Standardwerk zu betrachten – ein Werk, das die Stimmen jener Menschen bewahrt, die Luxemburg mit aufgebaut haben, und das einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis des Landes verdient.

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Dr. Sophie Schram und die Frauen von “Kleinitalien”

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1 Comment

  1. Catherine Gaeng

    Quand sa thèse a été publiée en 2016, Mme Schram était très bien placée pour consacrer un NOL à la cause féminine et à celle des immigrés. Or, elle a préféré se casser les dents sur l’art contemporain pour lequel elle n’a aucune qualification. Comme dirait M. Bettel : « C’est son choix ». Mettre l’absence d’écho dans la presse sur le dos des « Sonntags-Feministinnen – Freundinnen von Ex-Generaldirektor Lunghi », est risible.

    Mais puisqu’il est question d’ouvrage « das sowohl für Historiker als auch für interessierte Leserinnen und Leser wertvoll ist », j’en ai un* à signaler. Il vient de sortir, il fait 500 pages, il a été rédigé par des chercheurs de renom sur des sujets d’histoire et d’archéologie du Luxembourg et d’ailleurs, et pourtant on n’en entend pas parler. Est-ce que moi je dis que c’est parce que mon nom figure sur la couverture et que des gens à qui cela déplaît ont les moyens d’imposer le silence ?

    * Treveri et alii : mélanges offerts à Catherine Gaeng.
    Sous la dir. de Jeannot Metzler, Foni le Brun-Ricalens, Iliya Hadzhipetkov
    Éditeur INRA, 2026

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