Frank Bertemes: Lebenswerte Städte!

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Image par Free-Photos de Pixabay

„ Viel zu lange haben wir Städte geplant, als wollten wir Autos glücklich machen. Dabei sollen Städte doch Menschen glücklich machen.“

Jan Gehl

Er gilt als eine Legende der Stadtplanung, der Star – Architekt und Stadtplaner Jan Gehl. Der Däne wurde berühmt durch den Umbau Kopenhagens zu einer grünen und nachhaltigen Stadt. Er machte Dänemarks Hauptstadt zu einer der fahrradfreundlichsten und lebenswertesten Metropolen der Welt. Der Stadtplaner hat darüber hinaus Projekte in Städten auf der ganzen Welt betreut, wie beispielsweise in der hoffnungslos autoverstopften russischen Hauptstadt Moskau, wo er die Anlage von Grünflächen und Radwegen durchsetzen konnte.

 

Deshalb verwundert es wohl kaum, dass das Ministerium für öffentliche Bauten die Hilfe seines Urbanismusbüros aus Kopenhagen für unser städtebauliches Sorgenkind Kirchberg in Anspruch nahm. In den nächsten Jahren soll diesem topmodernen, jedoch eher unlebendigen Viertel mit vielen Arbeitsplätzen und weiterhin steigender Einwohnerzahl mehr Leben und weniger Langeweile unter anderem mittels weiterer Radwege und Freibad im Park verpasst werden. Ziel ist es, aus dem Geschäfts- und Bankenviertel Kirchberg ein lebendiges Viertel zu gestalten, in dem Wohnen, Einkaufen, Freizeit und Arbeiten ein Gleichgewicht bilden. Unverständlich ist es trotzdem, dass im Kontext der extrem regen Bauaktivität innerhalb dieses Viertels keine direkte Besserung in Richtung mehr Lebensqualität durch Distanz der errichteten Neubauten in den neuen Wohnvierteln in Sicht zu sein scheint. Im Gegenteil: man bringt es ohne Rücksicht fertig, in kürzester Entfernung von an sich durchaus gelungenen, modernen Reihenhäusern, die man jungen Familien im Rahmen der Vorgaben erschwinglichen Wohnraumes anbietet, statt Menschen – und familienfreundlichen Parkanlagen mit Bänken, Bäumen, Kinderspielplätzen mit wohltuender Natur und zurückgewonnenen Biotopen, leider hohe Betonklötze zum Wohle der Bilanzen der Immobilienfirmen hochzuziehen. Eine anständige, für die Zukunft orientierte Stadt- und Raumplanung im Sinne eines wirklich menschenfreundlichen Lebensraumes sieht doch etwas anders aus. Wohnungsnot allein schließt jedenfalls durchdachte Baukonzepte mit vernünftiger Raumnutzung und entsprechender Distanz der Bauten mit mehr Grünanlagen im Sinne der erwartet hohen Zahl der Einwohnerschaft des Kirchbergs nicht aus. Es geht doch um mehr als nur um maximale Raumnutzung, es geht um das Wohl der Menschen…

 

Der homo sapiens ist ein soziales Wesen, und allein deshalb wird es immer lebendige Städte geben“, so Gehl, der diese Feststellung auch in den Kontext der aktuellen sanitären Krisensituation setzen will. Doch diese lebendigen Städte bedingen einen grundsätzlichen Wandel. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wohnt in urbanen Räumen, 2050 werden es voraussichtlich mehr als zwei Drittel sein. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Sogwirkung der Städte nachlassen könnte. Weder in den armen Ländern des Südens, wo sie Heere von Glücklosen mit dem Versprechen einer besseren Zukunft locken, noch in Europa, wo man auf mehr Lebensqualität der Metropolen setzen will. Das Häuschen im Grünen kommt dabei aus der Mode. So jedenfalls eine Einschätzung zum Thema, wobei natürlich auch die hierzulande heftige Debatte um die Immobilienpreise eine wesentliche Rolle spielt und das isolierte „Häuschen im Grünen“ für viele jungen Menschen fast nur mehr in der „Grande Région“, wenn überhaupt noch möglich wird. In der von Jan Gehl in einem rezenten stern-Interview angeregten modernen Stadtplanung sind jedenfalls so manche Überlegungen bezüglich nachhaltiger und lebenswerter Städte angesagt. Er erinnert daran, dass die Idee von der 15-Minuten-Stadt dabei so alt ist, wie die Städte selbst. Weshalb wir uns in Altstädten, durch die wir gerne schlendern, so wohl fühlen, beantwortet sich damit, dass diese nach menschlichen Relationen geplant wurden und sich nach Fußgängern richten, die mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometern durch die Stadt spazieren. Bedauerlicherweise musste der Zeilenschreiber selbst miterleben, wie derartige Ideen, sprich die Fußgänger- und Fahrradfreundliche Stadt, in Kombination mit der einzigen, realistischen verkehrstechnischen Alternative zum automobilen Stadtverkehr und, wie wir heute wissen, einer absoluten Success-Story. sprich der modernen Stadtbahn, die man durchaus noch landesweit als S-Bahnnetz ausbauen kann, in den neunziger Jahren besonders von DP-Politikern nur ein müdes Lächeln, das man Träumern zukommen lässt, abringen konnte. Dass diese Stadtbahn erst so spät realisiert wurde – ein Projekt, das über die reine Verkehrsdebatte hinaus eben auch so manche urbanistischen Aspekte beinhaltet ­– haben wir eben jenen Widerständen zu „verdanken“, von denen sowohl DP als auch CSV – Stadtpolitiker*innen heute nichts mehr hören wollen. An sich offensichtliche, fatale Fehler einer konservativen, bornierten Politkaste, die der Lebensqualität unserer Hauptstadt, die nicht umsonst ihre negativen Konsequenzen hat, rund 30 Jahre (sic!)  nachhaltig geschadet hat ­– Bravissimo!

 

Doch zurück zu Jan Gehl, der in seiner historischen Analyse festhielt, dass die Städte über Jahrhunderte in einem langsamen Prozess gewachsen sind. Jeder war zu Fuß unterwegs, die Wege waren überschaubar, die Straßen schmal und abwechslungsreich. Doch das allgemeine Wirtschaftswunder änderte das radikal: aus Stadt – wurde Verkehrsplanung und wir wissen heute: um das Leben einer Stadt zu ersticken, gibt es keine effizienteren Mittel als Autos, Hochhäuser und Wolkenkratzer. Der Tristesse der Städte mit Wohnsilos und Hochhäusern kann man mit weiteren Ideen wirkungsvoll entgegentreten, wie beispielsweise grünen Waldtürmen, die aus Häuserblocks herausragen, „vertical forests“, die Architektur und Klimaschutz verbinden, die ein Stück Natur mit Vögeln und Insekten in dicht besiedelte Gebiete mit wenig Grünflächen zurückbringen. Der vertikale Wald mit Brauchwassernutzung der Häuser schützt die Bewohner vor Lärm, Staub und Hitze. Derartige, wahrlich hochinteressante Projekte laufen neben Mailand auch in Lausanne, Nanjing, Paris, Tirana, Shanghai, Antwerpen und Utrecht.

 

Man sieht, dass durchaus vieles möglich ist um beschrittene Irrwege wirkungsvoll und für eine wirkliche Lebensqualität der Städtebewohner zu verlassen, der Wandel eigentlich unaufhaltsam ist: „Denkt zuerst an die Menschen, dann an die Verkehrswege. Eine gute Stadt ist wie eine gute Party – die Leute bleiben dort länger als nötig, weil sie sich wohlfühlen.“ So Jan Gehl.

 

Man kann dem Missionar der menschenfreundlichen Stadt nur zustimmen.

 

Frank Bertemes

 

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