Karl war kein Genie. Aber er gehörte auch nicht zu denen, die den Toaster mit in die Badewanne nehmen. Er war durchschnittlich. Gebildet sogar – schließlich las er täglich die renommierten Zeitungen Tageblöd und Luxemburger Wucht. Und genau das machte ihn gefährlich.
Eines Morgens las er im Tageblöd, dass die EU neue gentechnisch veränderte Pflanzen zulassen wolle – ohne Kennzeichnung. „Modern“, „Fortschritt“, „Vertrauen Sie uns“, stand da. Offenbar ein Artikel, gesponsert von der Firma MoonSando.
Karl vertraute grundsätzlich niemandem. Aber neue Ideen – die mochte er.
„Wenn die das können…“, murmelte er und blickte hinauf zu seinem Dachboden.
Sein „Labor“ bestand aus zwei wackeligen Tischen, einem Stuhl mit drei stabilen und einem philosophischen Bein sowie rund zwanzig Flaschen fragwürdiger Substanzen: Essigreiniger, Backpulver, Grillanzünder, Sodakristalle und etwas namens „Aktiv-Schaum Ultra“. Wissenschaftlich genug, fand Karl.
Er wollte eine neue Tomate erschaffen. Nicht irgendeine – eine besondere.
Von der GABA-Tomate hatte er gelesen. Klang beeindruckend. Irgendwas mit Genen. Genauer wusste er es nicht, aber das hielt ihn nicht auf.
„Genschere… Schere… wo ist da der Unterschied?“, fragte er sich.
Sein Blick fiel auf Großmutters alte, rostige Küchenschere – zwischen Kneifzange und einer kaputten LED mit E14-Sockel.
Er nahm ein Päckchen Tomatensamen „Red Giant“, setzte sich und schnitt gewissenhaft von jedem Korn ein Stück ab.
„Präzisionsarbeit“, murmelte er zufrieden.
100 Samen. 100 Schnitte. 100 Hoffnungen.
Dann pflanzte er sie in einen länglichen Topf – einst Heimat prächtiger Geranien. Gartenerde, etwas Sand und ein großzügiger Schuss Wasser mit Soda.
„Kultur aktiviert“, nickte Karl.
Zwei Wochen geschah nichts. Dann, eines Morgens, stand er mit einem Glas Gemüsesaft vor dem Topf – und erstarrte.
Ein einzelner Spross hatte sich durch die Erde gekämpft.
„Nummer 37“, flüsterte er ehrfürchtig.
Die anderen 99 waren offenbar in den Ruhestand gegangen.
Er setzte die Pflanze vorsichtig um, pflegte sie gewissenhaft und sprach täglich mit ihr – hauptsächlich über EU-Verordnungen.
Und die Pflanze war anders.
Die Blätter waren eingerollt, als hätten sie Zweifel. Die Farbe war heller, feine Härchen bedeckten sie. Und nach zwei Monaten trug sie Früchte.
Seltsame Früchte.
Die Tomaten hatten Gesichter. Nicht ganz – aber genug, um unangenehm zu sein: zwei gelbliche Ausstülpungen als „Augen“, zwei braune Punkte als „Nase“ und eine Furche, die wie ein zögernder Mund wirkte.
Karl griff vorsichtig nach einer Frucht.
„Na, was bist du denn?“
Er berührte sie.
„Ba…Ba…“
Karl erstarrte.
Die Tomate hatte gesprochen. Oder zumindest ein Geräusch gemacht, das verdächtig danach klang.

„Das ist… spektakulär“, murmelte er.
Am nächsten Tag wiederholte er den Versuch.
„BaBa“, antworteten die inzwischen rötlichen Früchte. Immer gleich.
Karl setzte sich und betrachtete seine Pflanze.
„Ich habe eine sprechende Tomate gezüchtet“, sagte er leise.
Er nannte sie stolz: BaBa-Tomate.
Ein Durchbruch. Oder ein Missverständnis. Karl war sich nicht sicher.
Aber eines wusste er: Wenn das Gesetz wirklich kam, würde niemand je erfahren, dass alles mit einer rostigen Schere und etwas Putzmittel begonnen hatte.
Und irgendwo auf seinem Dachboden führten ein Mann und eine Tomate die vermutlich sinnloseste Unterhaltung der modernen Wissenschaft:
„BaBa.“
„Ja, ich auch.“
Heute steht die BaBa-Tomate in jedem Supermarktregal. Kinder lieben sie. In Schulen wird über sie gesprochen, und Ketchup wird nur noch mit einer gewissen Ehrfurcht konsumiert.
Und Karl?
Der hat ein Vermögen verdient – und arbeitet bereits am nächsten Projekt:
Die GaGa-Gurke.
Sie leuchtet schwach im Dunkeln. Die kaputte LED spielt vermutlich eine Rolle.