Wenn Kritik zur Selbstinszenierung gerät, wenn journalistische Distanz dem persönlichen Feldzug geopfert wird und der Anspruch auf Deutungshoheit jede Gegenrede ersticken soll, verliert der öffentliche Diskurs seine Integrität. Jeff Schinker, omnipräsent im Luxemburger Kulturbetrieb, scheint genau diese Grenze nicht nur überschritten, sondern regelrecht beseitigt zu haben. Was als Kulturkritik auftritt, ist zunehmend ein System zur Selbstdarstellung – mit fragwürdiger Wirkung auf Debattenkultur, Medienethik und institutionelle Glaubwürdigkeit.
Die unfehlbare Stimme – Kritik als Machtdemonstration

Zwischen dem öffentlich-rechtlichen Sender 100,7 und Beiträgen im Lëtzebuerger Land ist Schinker eine Stimme, die permanent bewertet, korrigiert, inszeniert. Seine Rolle als Kritiker ist dabei längst nicht mehr nur journalistisch, sondern performativ, machtbewusst und vor allem: unantastbar. In seinen Kritiken versteht sich Schinker als eine Art intellektueller Zuchtmeister. Wer wagt, ihn zu kritisieren, riskiert öffentliche Rüffel, persönliche Angriffe oder gar juristische Drohgebärden. Der Kritiker als Kontrollinstanz der Kritik – ein Widerspruch, der sich bei Schinker nicht mehr auflöst, sondern institutionalisiert hat.
Vom Feuilleton zum Feldzug – Der Fall Lunghi als moralische Kampagne
Spätestens mit der sogenannten „Affaire Lunghi“ und seiner medial einseitigen Begleitung offenbarte Schinker ein journalistisches Selbstverständnis, das nicht auf Aufklärung, sondern auf Abrechnung angelegt war. Differenzierte Analyse wich einer Polarisierung, die wenig an eine verantwortungsbewusste Berichterstattung erinnerte.

Der Unterschied zwischen Feuilleton und Feldzug wurde zunehmend unkenntlich. Die Sprache war nicht zufällig beleidigend – sie war kalkuliert, ja strategisch. Das Ziel: moralische Autorität durch mediale Überlegenheit. Dabei spielte Schinker sich keineswegs als neutraler Beobachter, sondern als moralischer Richter auf. Es ging nicht mehr um Zusammenhänge, sondern um Schuldzuweisung. Nicht um Verstehen, sondern um Verdammen. Die vermeintliche Aufklärung geriet zu einer bösartigen Abrechnung gegenüber RTL-Journalisten. Juristen stellten dabei die berechtigte Frage, ob Schinker wegen seines hetzerischen Artikels pro Gaeng im Tageblatt vom 2. Juni 2021 nicht – wie das Ehepaar Lunghi-Gaeng – ebenfalls wegen „violation du secret de l’instruction“ respektive recel angeklagt werden müsste.
Hinzu kommt, dass Schinker gegen jede journalistische Deontologie und Ethik verstieß, indem er während der gesamten Hetzkampagne die betroffenen RTL-Journalisten kein einziges Mal befragte oder zu Wort kommen ließ – eine gravierende Unterlassung, die verdeutlicht, wessen Geistes Kind er in Wirklichkeit ist.

Der Kritiker im Zentrum der Macht – Interessenkonflikte als Prinzip
Problematisch wird dieses Verhalten vor allem deshalb, weil Schinker nicht am Rand des Systems steht, das er kritisiert, sondern mitten darin. Kritik, die sich selbst moralisch erhöht, muss sich mindestens an denselben Maßstäben messen lassen, die sie an andere anlegt. Schinker aber scheint diese Spiegelung zu verweigern. Seine Deutung wird zum Dogma – sein Wort zur letzten Instanz.
Der Fall Tonnar und die Drohkulisse

Serge Tonnar à gauche
Jeff Schinker à droite
Diese Hybris zeigte sich exemplarisch in der Auseinandersetzung mit dem Musiker Serge Tonnar. Als dieser in einem Facebook-Post Schinkers Rezension zu Guy Rewenigs Buch als überheblich und destruktiv kritisierte, war Schinkers Reaktion bezeichnend: keine inhaltliche Auseinandersetzung, kein argumentativer Konter, sondern juristische Drohungen. Tonnars zentrale These, der „Kritikbetrieb à la Schinker“ sei toxisch, traf einen wunden Punkt. Denn genau das ist der Kern des Problems: Die Kritik wird zur Bühne der eigenen Eitelkeit, zur Plattform des moralischen Selbstmarketings, zur Waffe gegen Andersdenkende. Und wer sie hinterfragt, rührt an eine Aura der Unfehlbarkeit, die mit demokratischem Diskurs nicht mehr vereinbar ist.
Der Diskurs wird zum Monolog
Es geht längst nicht mehr nur um Bücher, Musik oder Kunst. Es geht um Tonfall, um Herrschaft über Bedeutungen, um diskursive Vorherrschaft. Schinkers Stil steht dabei exemplarisch für eine Kritik, die den Diskurs nicht erweitert, sondern verengt. Die nicht differenziert, sondern dominiert. Die nicht einlädt, sondern ausschließt.
Der demokratische Wert von Kritik liegt im offenen Streit, im Widerstand gegen Einseitigkeit, in der produktiven Reibung. Doch Schinker betreibt eine Einbahnstraße mit eingebautem Megafon: senden, urteilen, dominieren. Die Selbstgewissheit des eigenen Standpunkts ersetzt die Offenheit für andere Perspektiven.

Schinkers selektive Diskurshoheit
Was bleibt, ist ein Klima der Verengung. Ein System selektiver Öffentlichkeit, in dem persönliche Seilschaften, ideologische Linien und mediale Präsenz wichtiger sind als Vielfalt und Diskursfreude. Schinker steht dabei nicht alleine – aber besonders exponiert. Weil er nicht nur agiert, sondern dominiert. Weil seine Kritik nicht nur urteilt, sondern diskreditiert. Und weil seine mediale Dauerpräsenz keine Kontrolle mehr kennt – außer der eigenen.Das Ergebnis ist ein Kritiker, der nicht mehr kontrolliert, sondern kontrolliert werden müsste. Ein Meinungsführer, der Transparenz von anderen verlangt, aber seine eigenen Verflechtungen ausblendet. Eine Stimme, die ständig spricht – aber keinen Widerspruch duldet.
Zeit für eine andere Kritik – Was wir brauchen, was nicht
Luxemburg braucht mutige Stimmen. Aber vor allem braucht es eine Kritik, die nicht von der Lust an der moralischen Macht getrieben ist, sondern von der Leidenschaft für Ambivalenz, Offenheit und intellektuelle Redlichkeit. Eine Kritik, die nicht mit dem Holzhammer agiert, sondern mit dem Skalpell. Eine Kritik, die nicht Angst macht – sondern Gespräch fördert.Der Fall Schinker zeigt, wie dringend diese Erneuerung ist. Und wie gefährlich es wird, wenn sich das Feuilleton vom Forum zur Festung verwandelt. Kritik darf Debatten anstoßen – aber sie darf sie nicht monopolisieren. Wer das verwechselt, wird selbst zum Problem, das er zu analysieren vorgibt.
