Enrico Lunghi, der einstige Generaldirektor des Mudam Luxemburg, ist kein Unbekannter, wenn es um künstlerische Provokation geht – allerdings oft weniger als Kurator im Dienst der Kunst, sondern vielmehr als Protagonist seines eigenen Egos. Bereits 2009 sorgte er bei der Biennale in Venedig für Furore, als das provokante Projekt „100 Sexes d’Artistes“ von Jacques Charlier, das Lunghi kuratierte, aus dem offiziellen Begleitprogramm ausgeschlossen wurde. Was für viele ein legitimer Entscheid war, löste bei Lunghi eine persönliche Eskalation aus. Statt die Entscheidung zu akzeptieren, reagierte er

mit einem demonstrativen Kraftakt:
Für satte 240.000 € aus öffentlichen , belgischen Mitteln ließ er ein Boot mieten, um auf eigene Faust eine Gegenveranstaltung „auf dem Wasser“ zu organisieren. Unter dem Titel „Libérer Venise“ inszenierte er eine ironisch aufgeladene Phallus-Parade zwischen den Giardini und dem Arsenale – mit der klaren Botschaft, sich über die Biennale lustig zu machen. In seiner Wut beschimpfte er die Veranstalter als feige („la Biennale et la ville de Venise n’ont pas de couilles“) und stilisierte den Vorgang als „religiöse Zensur“.Was wie ein künstlerisches Statement daherkommen sollte,

entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als ein Akt der persönlichen Kränkung. Ein Egotrip, finanziert mit Steuergeldern, und getarnt als Künstlerischer Widerstand.
Luxemburg – ein Déjà-vu mit Delvoye
Fast 16 Jahre später scheint sich das Muster zu wiederholen. Diesmal nicht in Venedig, sondern im Herzen Luxemburgs – vor dem Mudam, dem Museum, das Lunghi selbst leitete. Im Zentrum steht erneut ein Künstler, dem Lunghi besonders nahesteht: Wim Delvoye. Seit Jahren von Lunghi gefördert, protegiert, begleitet und verteidigt, auch gegen alle Widerstände ( Schäissmaschinn, tätowierte Schweine, provokative Kapelle). Und jetzt wieder steht eine Skulptur Delwoye’s im Zentrum. Wieder geht es um Provokation. Und wieder steckt Lunghi mittendrinn. Diesmal geht’s um ein kopuliererndes Hirschpaar Delvoye’s, eine Skulptur die seit einiger Zeit eingelagert und aus dem öffentlichen Raum entfernt wurde –

ein kuratorischer Entscheid, wie er in jedem Museum der Welt vorkommt.
Doch statt diesen Eingriff als Ausdruck einer veränderten programmatischen Ausrichtung zu akzeptieren, scheint sich erneut der Reflex des verletzten Stolzes zu melden. Und wie damals in Venedig, wird nun wieder über angebliche „Zensur“ geraunt – diesmal nicht öffentlich per Boot in Venedig , sondern mit subtilem Medien-Spin in Luxemburg. Die grösste Tageszeitung Luxemburgs widmete dem Thema gleich zwei Seiten – auffällig wohlwollend gegenüber Delvoye und Lunghi , fast schon apologetisch gegenüber dem engen Freundespaar . Zufall? Oder gezielte Einflussnahme eines bestens vernetzten Ex-Mudam-Generaldirektors?
Persönliche Allianzen statt öffentlicher Diskurs
Reaktionen folgen stats einem ähnlichen Muster: Kritik wird pathologisiert, Opposition deligitimiert. Wer anderer Meinung ist, wird entweder ausgebootet oder medial plattgewalzt. Kunstkritik wird als persönlicher Angriff empfunden. Und wer sich gegen seinen Einfluss stellt, läuft Gefahr, in einem Netz aus Loyalitäten und kulturpolitischem Druck zu ersticken.
Dabei wäre gerade in einer offenen Kulturszene Raum für Diskussion, für Reibung, für Kritik. Doch Lunghi, der sich gerne als progressiv und provokant inszeniert, zeigt sich zunehmend autoritär, wenn es um seine eingene Person geht . Der Fall Mudam ist kein Einzelfall sondern Teil eines Musters. Ob Biennale oder Mudam – wer nicht seiner Meinung ist, wird schnell zur Zielscheibe. Die Öffentlichkeit aber hat ein Recht, zu erfahren, wenn öffentliche Gelder für persönliche Prestigeprojekte instrumentalisiert werden – sei es per Boot in Venedig oder durch mediale Einflussnahme in Luxemburg. Statt demokratischer Auseinandersetzungen erleben wir einen Kulturkampf, in dem die Oeffentlichkeit nur als Mittel zum Zweck dient.

Fazit
Kunst darf provozieren, ja , sie muss es sogar. Aber sie darf nicht zum Werkzeug narzisstischer Abrechnungen werden. Und schon gar nicht finanziert durch öffentliche Mittel und protegiert durch institutionelle Netzwerke. Der Fall Delvoye- Lunghi zeigt, wie problematisch es wird, wenn persönliche Eitelkeiten, alte Allianzen und ein fragiles Künstler-Ego auf öffentliche Institutionen treffen. Kunst darf provozieren. Aber sie darf nicht zum Spielball persönlicher Revanche werden – erst recht nicht mit Steuergeldern.