Die „Affäre Lunghi“ ist längst mehr als eine Vendetta eines Museums-Generaldirektors gegen ein Medienhaus. Sie steht sinnbildlich für die Fragilität der Pressefreiheit in Luxemburg, für die Macht von Netzwerken – und dafür, wie Seilschaften mit unbequemen Stimmen umgehen.
2016 – Der Beginn eines Albtraums
Im Oktober 2016 bittet die Luxemburger Künstlerin Doris Drescher, die bereits auf der Biennale in Venedig Luxemburg erfolgreich vertreten hatte, den RTL-Journalisten Marc Thoma um ein Interview. Der Grund: Sie erklärt, dass ihre Werke im Mudam – dem Museum für moderne Kunst – unerwünscht seien. Sophie Schram, eine junge RTL-Journalistin, wendet sich noch am selben Tag an den Mudam-Generaldirektor Enrico Lunghi, um dessen Stellungnahme zu den Vorwürfen einzuholen.
Doch während des Interviews eskaliert die Situation: Lunghi, in Rage, packt die Journalistin brüsk am Arm und schlägt nach ihrem Mikrofon. Die Szene wird von der Kamera aufgezeichnet. RTL thematisiert das Geschehen und zeigt in einer Reportage, wie Lunghi ausrastet, die Fassung verliert und die Reporterin attackiert.
Lunghi gesteht seinen Fehler öffentlich ein, erkennt, was er angerichtet hat. Er verfasst einen langen Entschuldigungsbrief, übernimmt die volle Verantwortung, bittet um Vergebung. Daraufhin verzichtet die betroffene Journalistin auf eine bereits vorbereitete Anklage wegen Körperverletzung. Auch für RTL ist der Vorfall mit der klaren Schuldanerkennung und Entschuldigung Lunghis erledigt. Eigentlich eine eindeutige Angelegenheit.
Doch in Luxemburg gilt: Wenn die richtigen Freunde im Spiel sind, beginnt die Farce erst. Lunghi reicht kurz vor Ablauf einer dreimonatigen Verjährungsfrist in Pressangelegenheiten Anzeige ein. Sein Argument: Ein 28-sekündiger Ausschnitt der Aggression gegen die Journalistin, den RTL ausgestrahlt hatte, sei eine Manipulation im Schnitt – eine regelrechte Konspiration gegen seine Person.
Lunghis Seilschaften
Alsbald beginnt eine regelrechte Hexenjagd gegen die RTL-Journalisten Marc Thoma und Sophie Schram sowie gegen CEO Alain Berwick und Programmchef Steve Schmit. Lunghis Freunde und Unterstützer in Kultur und Medien orchestrieren eine Schwarz-Weiß-Kampagne, die sich über Monate hinzieht.

Im Luxemburger Wort dirigierte Chefredakteur Jean-Lou Siweck, dessen Frau persönliche Assistentin Lunghis im Mudam war, die Anti-RTL-Kampagne. In über 40 Artikeln wird Lunghi zum Opfer einer Intrige stilisiert. Frau Siweck organisierte gleichzeitig eine Unterschriftenaktion für ihren Chef Lunghi. Unterstützt wird der Wort-Chefredakteur bei seiner anti-RTL-Kampagne von Kulturjournalist Marc Thill und Marie-Laure Rolland, einer engen Vertrauten des Ehepaars Lunghi.

Im Tageblatt ist es die Chef-Etage Danièle Fonk – Alvin Sold, die eine regelrechte Hetzkampagne gegen RTL anzettelt, tatkräftig unterstützt vom Schreiber Jeff Schinker und der sogenannten „Feministin“ Danielle Igniti.
Auch das Blatt Woxx, das nur durch öffentliche Pressehilfe überlebt, befeuert – aus der Feder eines gewissen Luc Caregari – eine groteske Verschwörungstheorie.
Im „Land“ wiederum hetzt das Chefredakteur-Ehepaar Hansen-Hilgert in regelrechten Hasstiraden gegen RTL und die Sendung „Nol op de Kapp“. Journalist Marc Thoma wird dort sogar als „Poujadist“ und „Populist“ diffamiert.
Im Paperjam ist es eine gewisse France Clarinval, ebenfalls eine enge Freundin von Lunghi, die tatkräftig gegen RTL polemisiert.
Parallel zu diesen einseitigen, schwarz-weißen Zeitungs-Berichten greifen Lunghis Anhänger und Kulturfreunde in den sozialen Medien RTL via Shitstorm frontal an. Zahlreiche Blogs und E-Mails (jederzeit einsehbar) dokumentieren die bösartige, einseitige Kampagne, bei der fundamentale ethische Grundsätze massiv missachtet werden.
Selbst hausintern bleibt RTL nicht verschont: Eine kleine Gruppe von Lunghi-Freunden und Sympathisanten, angeführt von der „Kulturpäpstin“ Caroline Mart, fällt den Kollegen vom „Nol op de Kapp“ eiskalt in den Rücken. Vorher hatte Frau Mart versucht, eine Veröffentlichung der Agression Lunghis gegen die Journalistin zu verhindern, um dann einen Putschversuch gegen RTL-CEO Alain Berwick zu inszenieren.
Das Verschwörungs- Märchen
Diese breitgefächerte, orchestrierte Hetzkampagne gegen RTL nahm immer groteskere Formen an. Resultat: eine absurde Verschwörungstheorie. Premier Xavier Bettel habe Lunghi als Mudam-Generaldirektor loswerden wollen und deshalb RTL-CEO Alain Berwick gebeten, Lunghi durch eine manipulierte Reportage zu diskreditieren. Berwick habe dann Marc Thoma beauftragt, dieses Szenario in der Sendung „Nol op de Kapp“ umzusetzen. Dieser hätte sodann die junge Journalistin Sophie Schram angewiesen, Lunghi mit provokanten Fragen derart herauszufordern, dass er ausraste und die Frau tätlich attackiere.
Diese abstruse Verschwörungstheorie wird über Monate hinweg von Lunghis Seilschaftspresse und Unterstützern verbreitet – und tatsächlich geglaubt ! Fataler Höhepunkt: Die mit dem Fall befasste Untersuchungsrichterin übernimmt diese unglaubliche Theorie und leitet ihre Ermittlungen dementsprechend.

Die betroffenen RTL-Leute werden wie Kriminelle behandelt, neun Hausdurchsuchungen durchgeführt – bis nach Rumänien – und private wie journalistische Akten beschlagnahmt. Lunghis Anwälte – bis heute von Steuergeldern finanziert – versuchen sogar, Kulturminister Xavier Bettel auf die Anklagebank zu zerren. Nur die Verfassung verhindert diese groteske Komödie.
Doch die Journalisten Sophie Schram und Marc Thoma, CEO Alain Berwick und Programmchef Steve Schmit werden angeklagt. In der öffentlichen Debatte wird Lunghi zum Opfer, RTL dagegen zum Täter erklärt. Lunghi, bestens vernetzt, kann auf breite Unterstützung via Seilschaften und copinage zählen. Die Kultur der Gefälligkeiten reicht bis in Behörden.
Interessenkonflikt:kein Problem
So wird Regierungskommissar Ralf Deischter mit der Analyse des Falls beauftragt – Deischter, der früher in der Kanzlei von Lunghis Anwalt Bauler gearbeitet hatte. Statt sich für befangen zu erklären und wegen seiner Nähe zum Lunghi-Clan das Mandat abzulehnen, operiert dieser Regierungsbeamte knallhart gegen die Journalistin, die er als Zeugin geladen hatte. Deischter behauptet sogar, die Frau sei gar keine Journalistin. Was reiner Nonsens ist.
ALIA und Conseil de Presse: die vermeintlichen Gralshüter der journalistischen Deontologie
Auch in der ALIA, die auf dem Papier als sogenannte neutrale Medienaufsicht fungiert, mischen Lunghi-Freunde aktiv mit. Anstatt den Generaldirektor zu kritisieren, zeigt die ALIA Sympathie für ihn und maßregelt RTL mit einer Rüge wegen eines „manipulierten Schnitts“, der die Aggression Lunghis gegen die Journalistin falsch wiedergegeben habe. Erst ein näheres Betrachten und Aufdecken der Netzwerke in der ALIA zeigt die wahren Verflechtungen innerhalb dieses sogenannten Deontologie-Gremiums.

So unterschrieb etwa das ALIA-Exekutivmitglied Jeannot Clement, enger Freund Lunghis, den blâme gegen RTL. Fernand Weides – ewiger LSAP-Günstling sowie Freund und Unterstützer Lunghis – war ebenfalls ALIA-Mitglied. Ebenso Caroline Marts Lebenspartner Rotunno. Dass die betroffenen Journalisten von der ALIA gar nicht um ihre Stellungnahme befragt wurden , spricht Bände.
Ein ähnliches Szenario im Conseil de Presse, wo neben Journalisten der oben beschriebenen Zeitungen auch Verlagsvertreter saßen, die seit Jahren in knallharter Konkurrenz zu RTL standen. Dass in diesem Gremium sich diejenigen durchsetzten, die einen “blâme” gegen RTL verlangten, kann unter den gegebenen Umständen kaum verwundern. So bestand etwa Woxx-Publizist und Lunghi Vertrauter Luc Caregari in diesem Conseil de Presse lautstark auf einer Rüge gegen RTL….und setzte sich mit dieser Forderung durch.
Quellenschutz für die Katz
Ein besonders gravierender Eingriff in die Pressefreiheit in der Causa Lunghi war die Hausdurchsuchung im RTL-Medienhaus auf Kirchberg: ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechtsrichtlinien von Straßburg (vgl. Urteil Rob Roemen). Bei dieser Perquisition wurde das interne, vertrauliche Audit über den Fall Lunghi beschlagnahmt. Den RTL-Mitarbeiter war in diesem schriftlichen Audit von den Auditeuren absolute Vertraulichkeit zugesichert worden . Nur durch das vorsichtige Verhalten von Marc Thoma, der

selbst in diesem scheinbar wasserdichten Audit-Verfahren seine Quellen nicht preisgab, blieben kritische Künstler, die sich unter dem Siegel des Quellenschutzes in der Causa Lunghi RTL anvertraut hatten, geschützt. Denn, wäre der Quellenschutz geknackt worden, hätte das bedeutet, dass diese Künstler – wie Doris Drescher – in der Lunghi-lastigen Kulturszene unmöglich gemacht worden wären und ihre berufliche Existenz verloren hätten. Straßburg lässt grüßen!

Und auch das Collège Médical steht in der Causa Lunghi im Kreuzfeuer, nachdem bekannt wurde, dass medizinische Unterlagen der RTL-Journalistin auf fragwürdigen Wegen bei Lunghi landeten – was einen massiven Bruch der ärztlichen Schweigepflicht darstellen könnte.
Luxemburgs teuerster Wutanfall
Das pikante Detail, das bis heute kaum jemand offen anspricht: Seit 2016 übernahm der Staat die Kosten

für die Anwälte von Enrico Lunghi. Der Generaldirektor, der eine Journalistin attackierte, bekam und bekommt juristischen Rundumschutz – bis heute. Die Journalistin dagegen zahlt ihre Anwälte bis heute selbst – seit einem Jahrzehnt. Wie steht es da um das “principe de l’égalité des armes” – die Gleichheit der Waffen vor Gericht? Wie kann es sein, dass der Aggressor, ein hochbezahlter Staatsbeamter, den Luxus der Staatskasse genießt, während das Opfer, eine bescheidene Journalistin, finanziell ausgeblutet wird? Das Muster ist klassisch: eine SLAPP-Klage – nur dass hier nicht ein Oligarch, sondern der Staat selbst den Hebel ansetzt. Die entscheidende Frage bleibt bis heute unbeantwortet: Wie viel Geld hat der Steuerzahler bis heute für Lunghis Anwälte verbrannt?
Das umstrittene Urteil
2023 fällt schließlich das Urteil in erster Instanz: 1.000 Euro Geldstrafe und symbolischer Schadenersatz von einem Euro für die beiden RTL-Journalisten. Ihre Anwälte gingen in Berufung und forderten einen klaren Freispruch ohne Wenn und Aber. Doch nun wurde dieses Urteil in zweiter Instanz ausgesetzt – wegen Krankheit eines Richters. Ein neuer Termin mit erneuten Debatten ist für März 2026 angesetzt. Erst nach diesem Schritt und der Cassation könnte der Fall vor den
Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gelangen.

„Journalist Marc Thoma während der PK nach dem Strasburger Urteil. / Rechts sein erfolgreicher Anwalt Pol Urbany.“
Marc Thoma weiß, wie das geht; 2001 hatte er dort bereits ein Luxemburger Urteil um massive Förster-Korruption erfolgreich zu Fall gebracht und eine wichtige europäische Jurisprudenz in Sachen Pressefreiheit geschaffen.
Ein Menetekel für Luxemburg
Die Affäre Lunghi ist kein Einzelfall. Sie zeigt, wie angreifbar kritische Journalisten in kleinen Ländern sind, in denen Macht, Politik, Kultur, Seilschaften, Interessenvermischung und Medien eng verwoben sind. Denn wenn kritische Berichterstattung kriminalisiert wird, wenn eine Zusammenfassung in einem Interview zu einem Verbrechen erklärt wird, betrifft das nicht nur einzelne Journalisten, sondern gefährdet das Fundament der Demokratie. Fast zehn Jahre nach jenem Angriff auf eine Journalistin im Mudam steht fest: Die Affäre Lunghi hat das Vertrauen in Justiz und Medien erschüttert. Sie hat Karrieren zerstört und bewiesen, dass man mit Bösartigkeit, Copinage, Seilschaften und Lügengebilden in Luxemburg Ziele erreichen kann. Ob die betroffenen Journalisten je Gerechtigkeit erfahren werden, ist offen. Doch eines ist sicher: Dieser Fall wird als Justizdrama in die Geschichte eingehen – und als Mahnung, dass Pressefreiheit niemals selbstverständlich ist. Sie zeigt auch, dass ein stromlinienförmiger, angepasster Journalist, der brav mit dem Mainstream schwimmt, ein ruhiges Leben führen kann, ein kritischer Journalist hingegen, der gegen Seilschaften, Interessenvermischungen und Copinage ankämpfen muss, einen beruflichen Suizid riskiert.
Hei d’Linken zu aneren Artikelen zum nämmlechte Sujet:
La presse merdique:https://bit.ly/4mMcJDU
Affaire Lunghi: Collège médical an der Bredouille:https://bit.ly/4mH3THr
Luxemburger Medien zsischen Schnittchen- und Investigativ-Journalismus: https://bit.ly/4mKscV2
Ethik als Fassade: https://bit.ly/4ny4ixd
An nach eng kleng Photogalerie:







Merci Guy fir desen Artikel. Leider wärt sech awer net vill änneren. Zou Letzebuerg op de Gerichter gesäit een ëmmer nees d‘Diskrepanz tescht „Letzebuerger Recht“ an gemenger Gerechtegkeet.
Alors là monsieur Kayser, “I’ll have what you’re having…”
Unendlich scheint die sache schon wie oft bei der justiz.
Obwohl ich mich frage ob es sich hier nicht eher um eine komoedie als um ein drama handelt.