Recent Posts

Post Categories

Frank Bertemes: Der Schmetterlingseffekt 
Im übertragenen Sinn bedeutet der Begriff, dass scheinbar unbedeutende Handlungen, kleine Zufälle oder Entscheidungen in der Vergangenheit enorme und weitreichende...
Tripartite, Festival vun de gudden Affairen 
Als Rappel: D’Tripartite gouf an d’Liewe geruff an de 70-ger Joer, wéi de Stär vun der Arbed am gaange war,...
D’CSV sicht e Beroder an der Kommunikatioun 
Eigentlech misst et heeschen: “…an der Kommunikatioun vum Staatsminister Luc Frieden”. Well et ass de Regierungs- a Parteichef deen op...
Mutig! Ein Kommentar zur neuen Parteispitze der LSAP von Frank Bertemes 
Gleicht das neue Duo an der Spitze der LSAP wirklich einer Kapitulation der stärksten Oppositionspartei wie ein Kommentar eines Wort-Journalisten...

Blog Post

Kultur

Wenn Kulturkritik à la Thill zur Selbstparodie wird: zweiter Teil 

Wenn Kulturkritik à la Thill zur Selbstparodie wird: zweiter Teil
Privat/ChatGTP

Luxemburger Wort “Kulturschreiber” Marc Thill versucht es erneut. Nachdem er bereits die Luxemburger Biennale-Installation „La Merde“ mit bedeutungsschwerem Feuilleton-Vokabular gegen jede Kritik in Schutz genommen hatte, legt er nun im Luxemburger Wort vom 15. Mai 2026 nach – diesmal, indem er die österreichische Performance-Künstlerin Florentina Holzinger als argumentative Verstärkung heranzieht. Das leidige Muster bleibt jedoch dasselbe: Aus Provokation soll Relevanz werden, aus Ekel plötzlich Tiefsinn und aus jeder Form von Absurdität eine angeblich notwendige gesellschaftliche Grenzerfahrung.

Privat/ChatGTP

Doch je mehr Thill Gedankengülle produziert, desto deutlicher wird: Der eigentliche Kunstnebel entsteht nicht in Venedig, sondern in seinen Texten. Schon die Überschrift seiner neuen Wortwüste verrät das Problem: „Hätte ,La Merde‘ radikaler sein müssen?“ Allein diese Fragestellung wirkt wie eine unfreiwillige Satire auf einen Kulturbetrieb, der längst vergessen hat, dass Provokation nicht automatisch Qualität ersetzt. Wenn Exkremente, Toilettenästhetik und pseudo-philosophische Körperdebatten bei Thill als Höhepunkt gesellschaftlicher Reflexion verkauft werden, dann läuft in seinem kulturellen Selbstverständnis einiges gewaltig schief.

So bemüht der Wort “Kulturschreiber” sich krampfhaft zwischen Bouvy “La merde” und Holzinger “Seaworld Venice” eine große intellektuelle Linie zu ziehen. Die eine arbeite subtiler, die andere körperlicher. Die eine frage nach Verdrängung, die andere nach Grenzüberschreitung. Doch unter dem kunsttheoretischen Sprachlack bleibt vor allem eines sichtbar: eine verzweifelte Suche nach Legitimation.

Denn die entscheidende Frage, die viele Bürger längst stellen, blendet Thill weiterhin konsequent aus: Warum müssen Steuerzahler für eine solch geschmacklose  Inszenierung Hunderttausende Euro bezahlen? Die Luxemburger “Merde” Biennale-Beteiligung kostet laut seinem eigenen Geschreibsel sage und schreibe 540.000 Euro. Eine halbe Million Euro öffentlicher Mittel – in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot und wachsender sozialer Unsicherheit. Genau dort hätte seriöser Kulturjournalismus beginnen müssen: bei der Frage nach Verhältnismäßigkeit, Prioritäten und öffentlicher Verantwortung. Doch stattdessen liefert Thill die rhetorische Veredelung des Beliebigen.

privat/ChatGTP

Da wird aus einem Thema über Exkremente plötzlich eine „Reflexion gesellschaftlicher Ordnungssysteme “. Aus kalkulierter Schockästhetik wird ein „subversiver Blick auf Normierung “. Und jede Form offensichtlicher Lächerlichkeit wird so lange mit akademisch klingenden Begriffen umkreist, bis niemand mehr wagt zu sagen, was viele längst denken: Das Ganze ist einfach nur prätentiöser Unsinn.

Besonders entlarvend ist dabei die sprachliche Mechanik solcher Texte. Je absurder das Kunstobjekt, desto größer die interpretative Verrenkung. Ein gewöhnlicher Mensch würde eine mit Fäkalästhetik arbeitende Installation vermutlich als pubertäre Provokation betrachten. Im Feuilleton jedoch wird daraus sofort ein „Diskursraum “, eine „Grenzerfahrung“ oder ein „körperpolitischer Kommentar“.

Privat/ChatGTP

Das Problem liegt dabei nicht einmal primär bei den Künstlern. Kunst darf provozieren. Sie darf scheitern. Sie darf geschmacklos sein. Das eigentliche Problem beginnt dort, wo ein sogenannter Kulturjournalist   jede Distanz verliert und aus seiner Rolle als Beobachter in die Rolle des Rechtfertigers wechseln. Und genau das passiert beim Wort-Schreiber  Marc Thill. Seine Texte lesen sich längst nicht mehr wie Kritik, sondern wie Begleitmusik eines Kulturbetriebs, der sich zunehmend selbst genügt. Zweifel existieren nur noch als rhetorische Dekoration, nie als echte Haltung. Kritische Stimmen aus der Bevölkerung tauchen höchstens indirekt auf – meist nur, um anschließend als Ausdruck mangelnden Verständnisses überwunden zu werden.

Dabei wäre gerade jetzt ein anderer Kulturjournalismus notwendig: einer, der nicht jede Provokation reflexartig adelt, sondern wieder zwischen Substanz und Pose unterscheidet. Denn nicht jede Grenzüberschreitung ist mutig. Nicht jede Geschmacklosigkeit ist radikal. Und nicht jede Ausstellung gewinnt automatisch an Tiefe, nur weil man französische Begriffe, psychoanalytische Andeutungen und gesellschaftstheoretische Schlagwörter darüberstreut.

Vielleicht liegt die eigentliche Tragik dieser Debatte darin, dass die Kunst selbst längst zweitrangig geworden ist. Entscheidend scheint heute vielmehr, wie kompliziert man über sie sprechen kann.

Und genau darin schafft es Thill,  über „La Merde“ so viele bedeutungsschwere Zeilen zu schreiben, bis am Ende kaum noch auffällt, dass der größte Haufen der ganzen Inszenierung womöglich gar nicht in Venedig steht, sondern in seinem  Geschreibsel  selbst.

Henri Fischbach

Previous

Wenn Kulturkritik à la Thill zur Selbstparodie wird: zweiter Teil

Related posts

Verloossen eng Äntwert

Required fields are marked *