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Gesellschaft

Ernesto Fluni: Kartenkunde – Vom Bezahlkomfort zur Konsumfessel. Drei Texte zur digitalen Entmündigung 

Ernesto Fluni: Kartenkunde – Vom Bezahlkomfort zur Konsumfessel. Drei Texte zur digitalen Entmündigung
Image par Kris de Pixabay

Nur Bares ist Wahres – besonders im Dunkeln

Neulich in Spanien, Portugal und Südfrankreich: Stromausfall. Chaos. Die Kartenterminals? Tot. Die Supermarktkassen? Stillgelegt. Panik bei den Kunden – außer bei denen, die noch etwas altmodisch waren: Bargeld in der Tasche. Plötzlich war es wieder etwas wert, dieses knisternde Papier mit Zahlen drauf.

Und bei uns? Alles läuft wie geschmiert – mit Karte. Oder besser: nur noch mit Karte. Wer heute bar zahlen will, darf erst mal die richtige Kasse suchen. Manche Läden haben bereits eigene „Zahlzonen“ eingerichtet. Kartenzahlung vorne, Bargeld irgendwo hinten. Klingt irgendwie bekannt? Damals nannte man das „Segregation“, heute nennt man es „modernes Kassensystem“. Und die Gesellschaft klatscht Beifall – schließlich ist’s ja praktisch.

Aber was passiert, wenn das System mal kurz hustet? Wenn das Netz ausfällt? Oder ein Cyberangriff das digitale Bezahlsystem lahmlegt? Dann steht der brave Kartenkunde mit seinem Handy da – und kann nicht mal ein Brot kaufen. Während die Altmodischen mit der Brieftasche ihre zehn Euro rausholen und lächelnd durch die analoge Tür spazieren.

Das Problem: Es ist keine offene Verweigerung. Bargeld ist gesetzliches Zahlungsmittel – aber man schiebt es stillschweigend an den Rand. Technisch, höflich, unsichtbar. „Sie dürfen ja noch – nur halt bitte da hinten, bei der einen Kasse, wenn sie nicht gerade geschlossen ist.“

Wir sollten aufpassen, dass wir nicht irgendwann merken: Unser Bezahlsystem ist wie ein Bus in den 1950ern. Und die mit Bargeld sitzen plötzlich wieder hinten.

Kartenkunde oder Schuldenknecht?

Kartenzahlung ist bequem. Schnell, kontaktlos, modern. Man sieht nicht, wie das Geld den Besitzer wechselt – man hört nur ein „Beep“ und ist um hundert Euro ärmer. Macht aber nichts. Denn das Limit ist noch nicht erreicht. Und wenn doch: Nimmt man eben die nächste Karte. Oder zahlt über Klarna, Revolut und Paypal. Willkommen im digitalen Schuldenparadies.

Viele merken gar nicht, wie sie in die Falle tappen. Kleckerbeträge hier, ein Ratenkauf da, Streaming-Abo dort. Es summiert sich – unsichtbar. Bis das Monatsende kommt und die Realität mit der Kreditkartenabrechnung klingelt. Und dann? Neue Karte, neues Glück. Oder neues Loch?

Photo de energepic.com: https://www.pexels.com/fr-fr/photo/terminal-de-paiement-noir-2988232/

Das System hilft nicht – es lebt davon. Ein verschuldeter Mensch ist ein treuer Kunde. Er fragt nicht, er braucht. Er konsumiert, um zu überleben – nicht weil er es sich leisten kann. Und die Anbieter? Liefern gern. Mit freundlichem Branding und weichgespülter Sprache: „Flexibel zahlen“, „Kaufen ohne Risiko“, „Deine Freiheit“. In Wahrheit: Deine Fessel.

Früher sagte man: Wer bar zahlt, bleibt frei. Heute ist das fast schon ein Akt des zivilen Ungehorsams. Denn wer mit der Karte zahlt, zahlt nicht nur Geld – sondern gibt Kontrolle, Übersicht und oft auch Freiheit ab. Die Frage ist: Willst du Kunde sein – oder Knecht?

Digitale Kindheit – analoger Absturz?

Früher reichte eine Zuckerstange, ein Bonbon oder ein Spielzeugauto. Heute bekommen Kinder ihr erstes Smartphone mit Gesichtserkennung, ein TikTok-Profil – und dazu die passende Bezahlkarte von Revolut Junior. Das soll „pädagogisch wertvoll“ sein und den „Umgang mit Geld fördern“. In Wahrheit aber lernen Kinder kaum den Wert von Geld – sondern nur, wie man es berührungslos verschwinden lässt.

Mit ein paar Klicks wird aus dem Taschengeld ein digitaler Nebel. Kein echter Schein, kein klimperndes Kleingeld, keine spürbare Grenze – nur Wischen, Tippen, Bestätigen. Und wenn’s nicht reicht: Limit erhöhen. Oder Mama zahlt’s per Push-Nachricht-Anfrage.

Was als „frühe Eigenverantwortung“ verkauft wird, ist oft nur Frühkonditionierung auf Konsum ohne Bewusstsein. Noch bevor Kinder wissen, was ein Zinssatz ist, haben sie die ersten Käufe mit Kreditkarte hinter sich. Und mit jeder Kartenzahlung wird das Prinzip einstudiert: „Geld ist einfach da – irgendwo.“

So werden Konsumenten gemacht – nicht kritische, mündige Menschen. Wer nie lernt, Geld zu fühlen, wird später nicht merken, wann es fehlt. Dann sind Ratenzahlungen, Dispo-Kredite und Klarna-Boni nur der nächste Schritt. Und die Spirale beginnt – ganz legal und ganz früh.

Was fehlt, ist nicht Technik – sondern Tiefe.
Nicht die Kinder brauchen Karten. Die Kinder brauchen Vorbilder, die mit Geld umgehen können. Und vielleicht mal wieder eine Zuckerstange – statt einer Schulden-App im Schülerdesign.

Als Kind dachte ich: Wenn das Geld alle ist, geht man zur Bank und holt sich neues. Heute sehe ich: Viele Erwachsene denken noch immer genau so. Nur dass sie nicht in die Filiale gehen – sondern zum nächsten Kreditrahmen.

Nachwort:

Sterilisiert – Das Ende des schmutzigen Geldes
(Ein hygienischer Nachruf)

Bargeld war lange ein treuer Begleiter. Es roch nach Leder, nach Hosentasche, manchmal ein bisschen nach Pommesfett oder Tankstelle. Es war ehrlich, greifbar – und, ja: vielleicht nicht ganz keimfrei. Doch was ist schon ein bisschen Schmutz gegen echte Unabhängigkeit?

Heute ist Geld klinisch rein. Es lebt auf Displays, schwebt durch Clouds und wird per Smartphone übermittelt – über QR-Codes, und auf Wunsch sogar an eine Telefonnummer. Wer braucht schon ein Portemonnaie, wenn er seine ganze Existenz in der Hosentasche trägt, direkt neben dem Impfzertifikat und dem Selfie-Filter?

Die Banken warnen – nicht ganz eigennützig: Bargeld ist schmutzig. Die Medien spielen mit: Karte ist sauber. Und das System sagt: Bargeld war gestern.

Wir leben in der Ära des sterilen Bezahlens. Ohne Widerstand. Ohne Berührung. Ohne Bewusstsein.

Und während der letzte 10-Euro-Schein in einem alten Portemonnaie in einer Schublade vergammelt, sitzen wir da – glücklich, hygienisch, entmündigt.

Denn schmutzig ist heute nicht mehr das Geld. Schmutzig ist nur noch der Gedanke, dass man ohne das System klarkommen könnte.

Ernesto Fluni

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