Die „KULT“-Beilage des Luxemburger Wort erhebt den Anspruch, kulturelle Relevanz abzubilden.Tatsächlich liefert sie jedoch in weiten Teilen ein erstaunlich folgenloses Feuilleton, das sich in wohlklingenden Phrasen erschöpft. Besonders deutlich wird das an den Comicseiten der “KULT” Mai-Ausgabe 2026, bei denen Marc Thill als Szenarist firmiert – ein Auftritt, der weniger erzählerische Qualität als vielmehr Selbstinszenierung offenlegt.
Was hier geboten wird, ist keine durchdachte Comicdramaturgie, sondern ein Sammelsurium pseudo-philosophischer Gemeinplätze. Doch die eigentliche Schwäche zeigt sich erst im Detail: Panel für Panel zerlegt sich dieser Comic selbst.

Der Einstieg wirkt zunächst vielversprechend: ein stilles Atelier, ein leerer Tisch, ein Blatt Papier. Visuell trägt das. Doch der Text: „Jeder Tag beginnt mit Stille. Ein Blatt, das noch nichts weiß von mir“ nimmt dem Bild sofort jede Offenheit. Statt Atmosphäre zu entfalten, wird Bedeutung vorformuliert. Der Leser darf nicht entdecken – er bekommt eine fertige Deutung serviert.
Dieses Muster zieht sich konsequent durch. Ein Panel zeigt Hände, die sich reiben. Der Text dazu: „Ich wärme meine Hände.“ Hier offenbart sich das zentrale Problem in seiner reinsten Form: Das Bild sagt alles – der Text sagt es noch einmal. Kein Mehrwert, keine Spannung, nur redundante Verdopplung. Ein Comic, der seine eigenen Bilder nicht ernst nimmt.

Beim nächsten Panel – dem Spitzen von Bleistiften – versucht der Text, Bedeutung zu simulieren: „Das Spitzen meiner Bleistifte ist kein Handgriff. Es ist ein Versprechen.“ Doch dieses Versprechen bleibt leer. Weder wird es konkretisiert noch weitergeführt. Die Handlung im Bild ist banal, der Text bläht sie künstlich auf, ohne ihr Substanz zu geben. Bedeutung wird behauptet, nicht erarbeitet.
Ein kurzer Moment lässt aufhorchen: Der sortierte Farbkasten wird kommentiert mit der Bemerkung: “ Der Maler räumt, der Zeichner sortiert damit die Unordnung später glaubwürdig aussieht” . Hier blitzt tatsächlich eine Idee auf – doch sie bleibt ein isolierter Einfall, ein Kalauer ohne Konsequenz. Der Gedanke wird nicht entwickelt, sondern sofort wieder fallengelassen.
Auch größere Metaphern verpuffen wirkungslos. Der Vergleich mit einem Orchester: „Im Orchester gibt es die Oboe. Bei mir ist es die erste Linie“ wirkt bemüht und äußerlich. Er fügt nichts hinzu, sondern hängt dekorativ im Raum.

Selbst Bewegung wird neutralisiert. Der Zeichner dehnt sich, scheint in einen Arbeitsfluss zu kommen – doch der Text: „Ich dehne meine Geduld“ glättet jede mögliche Spannung. Wo Zweifel, Unruhe oder kreative Blockade vielleicht entstehen könnten, herrscht kontrollierte, banale Harmlosigkeit.
Am deutlichsten wird das Problem im programmatischen Panel: Der Zeichner zeichnet sich selbst: „…um sicherzugehen, dass ich wirklich da bin.“ Das ist der Versuch einer existenziellen Setzung – und zugleich ihr Scheitern. Der Satz klingt bedeutungsvoll, bleibt aber abstrakt und folgenlos. Es ist die Simulation von Tiefe ohne Risiko.
Der zentrale Satz des Comics bringt diese Leere auf den Punkt: „Rituale verzeihen Fehler. Sie sagen: versuch es noch einmal.“ Eine perfekte Leerformel. Sie klingt klug, bedeutet aber alles und nichts zugleich. Gerade weil sie universell einsetzbar ist, trägt sie hier nichts zur konkreten Erzählung bei. Sie steht nicht im Dienst der Geschichte – sie ersetzt sie.

Der Schluss: „Das Ende ist auch ein Anfang. Man muss ihm nur Platz machen“ bestätigt endgültig die totale Risikovermeidung. Es ist kein Abschluss, sondern ein Rückzug ins Allgemeine. Eine banale Aussage, die jede mögliche Schärfe neutralisiert.
So entsteht ein durchgehendes Muster: Das Bild deutet an – der Text nimmt zurück. Das Bild öffnet – der Text schließt. Das Bild könnte erzählen – der Text erklärt.
Gerade im Comic, einem Medium, das vom Zusammenspiel von Bild und Wort lebt, ist das fatal. Die Zeichnungen leisten, was sie eben können. Doch der Text legt sich wie eine schwere Decke darüber und erstickt jede Mehrdeutigkeit im Keim. Nichts darf offen bleiben, nichts darf wirken. Gerade deshalb sind diese Comicseiten so aufschlussreich. Sie zeigen, wie schnell kultureller Anspruch zur leeren Geste wird, wenn er nicht durch Substanz getragen ist.
Der Szenarist Thill setzt sich in Szene – doch ein Szenario entsteht nicht. Es gibt keine Entwicklung, keine Zuspitzung, keine Fallhöhe. Nur eine Abfolge von déjà-vu-Momenten, die durch Sprache künstlich verbunden werden, ohne je wirklich zusammenzuwachsen. Alles ist korrekt. Alles ist gefällig. Alles ist bedeutungsvoll gemeint. Und genau deshalb: so unerquicklich bedeutungslos.
Doch dieser Befund beschränkt sich nicht auf die Comicseiten allein. Die Beilage „KULT“ insgesamt gibt sich den Anstrich kultureller Relevanz, doch bei näherem Hinsehen zerfällt diese Pose in ein Sammelsurium aus Banalitäten und wohlfeilen Allgemeinplätzen. Was als feuilletonistische Reflexion daherkommen möchte, entpuppt sich allzu oft als dünn aufgewärmte Gedankenkost – geschniegelt formuliert, aber inhaltlich unerquicklich.
Man liest Texte, die sich mit der Attitüde des Kennertums schmücken, während sie in Wahrheit nur abgelutschte Kamellen neu verpacken. Die Stimmen darin wirken weniger wie neugierige Entdecker kultureller Zusammenhänge als vielmehr wie selbsternannte Gatekeeper eines Diskurses, den sie kaum zu beleben vermögen. Es fehlt an Schärfe, an Risiko, an dem Mut, wirklich etwas Eigenes zu denken.
So bleibt „KULT“ letztlich ein Produkt, das mehr Raum einnimmt, als es geistigen Ertrag liefert. In Zeiten, in denen Papier keine Selbstverständlichkeit mehr ist und ökologische Verantwortung mehr als ein Schlagwort sein sollte, drängt sich eine unbequeme Frage auf: Wozu dieses Beiwerk? Vielleicht wäre es ein Akt stiller Größe, auf diese überflüssige Beilage zu verzichten – zugunsten von etwas, das entweder Substanz hat oder wenigstens den Bäumen eine Atempause gönnt.
Henri Fischbach