Frank Bertemes: Kann die Wahrheit retten?

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Photo de Rene Asmussen provenant de Pexels

Wer die Wahrheit hören will, den sollte man vorher fragen, ob er sie ertragen kann.

Ernst R. Hauschka

Und allein diese Aufforderung ist schon mal ein historisch gewachsenes Problem für die in diesem Beitrag visierte Catholica in ihrer Gesamtheit. Die Una, sancta, catholica et apostolica ecclesia, die eine heilige katholische und apostolische Kirche in der Selbstbezeichnung der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft, die wieder einmal ob tausender Fälle von Pädophilie in ihrer Filiale „Frankreich“  in den Schlagzeilen der Medien auftaucht – auch wenn man dies tunlichst vermeiden wollte…

 

Besonders ein Thema belastet die jüngste Geschichte dieser, historisch betrachtet, in diverser Hinsicht mehr als bedenklich agierenden „Kirche Christi“, der römisch-katholischen Kirche die sich in gepflegter Selbstüberschätzung als „allesumfassend“, als Garant der einzig gültigen christlichen „Wahrheit“ sieht: der jahrzehntelang ungestrafte sexuelle Missbrauch von Kindern. Seit diese schweren Verbrechen von katholischen Klerikern offiziell bekannt wurden, steckt die katholische Kirche in einer existenzbedrohenden Krise, in die sie sich selbst ob ihrer realitätsfremden Sichtweisen und idiotischen Dogmen hineinmanövriert hat und die man erst einmal mit so viel Schweigen wie nur möglich auszusitzen gedachte – bis die Zeiten wieder „besser“ werden. Nur, so einfach geht das nicht mehr! Diese Praxis lässt sich heuer allerdings auch  in Mariens beschaulichem Ländle beobachten, in dem man es fertigbrachte, eine spezielle Form der „Trennung von Staat und Kirche“ zu veranstalten um erst einmal so etwas wie Ruhe nach dem Sturm einkehren zu lassen. Das um tunlichst schnell aus den peniblen Schlagzeilen zu verschwinden und um sich intern, wo besonders der Streit um Besitz, Geld und Pfründe mehr als offensichtlich wurde (Stichwort Kirchenfabriken), neu aufzustellen. Dabei waren natürlich die Ernennungen zum Kardinal respektive zum Weihbischof, die man dementsprechend bestens medientechnisch in Szene setzen konnte, besonders hilfreich.

 

In diesem Gesamtkontext stand und steht – trotz seines spektakulären „Rückzugs“ aus dem Amt der Nachfolger Petris ­– besonders ein Mann im Fokus des allgemeinen Interesses: Joseph Ratzinger. Dieser als Papst Benedikt XVI. heuer nicht einmal besonders „zurückgezogen“ lebende Joseph Ratzinger, der sich durchaus immer noch in der ihm eigenen Art und Weise zu Wort meldet, besonders aber sein im Zusammenhang mit diesem Reizthema der ekelerregenden, hoch kriminellen Art speziell gepflegtes „System Ratzinger“. Ebendieses wird in einem erst kürzlich veröffentlichten brisanten Buch der Autorin Doris Reisinger – Theologin und promovierte Philosophin – sowie des preisgekrönten britisch-deutschen Filmregisseurs Christoph Röhl auf mehr als eindrucksvolle Weise dargestellt. Ein Faktenbuch, das als besonders wertvoll zu bezeichnen ist und sich auch mittels des Instrumentes exklusiver Interviews mit Weggefährten des Ratzinger-Papstes sowie eines sorgfältigen Quellenstudiums auszeichnet, das dieses Buch schon fast zu einer spannendenden Thriller-Lektüre macht, zeichnet unnachgiebig die routinemäßig gepflegte Vertuschungspraxis seines Amtes auf. Es untermauert die Tatsache, dass Ratzinger diese absolut bekannte Praxis des Vertuschens, des Verschweigens oder der Verharmlosung nicht nur stillschweigend geduldet, sondern sie als Teil einer konsequent durchdachten religiösen Ideologie selbst, so die Autoren wörtlich, „stetig praktiziert und gefördert“ hat. Da es in diesem Beitrag ausdrücklich nicht darum geht, ein Résumé dieses allerdings sehr zu empfehlenden Buches zu vermitteln, soll jedoch besonders ein Passus dessen bemerkenswerten Inhalts näher beleuchtet werden:  Ratzingers Begeisterung für die neuen, geistlichen Gemeinschaften, die sich innerhalb der katholischen Kirche ­­in dramatischer Situation, bildeten. Eine Kirche in einem Zerfallsprozess: zurückgehende Gläubigen- und Priesterzahlen, Kirchenaustritte, Rückzug enttäuschter Katholiken, allgemein untergehende Moral. Für Ratzinger eine unerträgliche Situation, ein wahres Desaster. Wenn man zu ertrinken droht, ergreift man bekanntlich jeden Strohhalm. Und dieser erschien in der Gestalt dieser neuen, geistlichen Gemeinschaften, die sich in unserem Gesamtkontext des sexuellen Missbrauches als Quell des neuen Übels entpuppen sollten. Namentlich genannt werden das „Opus Dei“, „Comunione e Liberazione“, „Das Werk“ und andere mehr – das (vermeintliche) Licht am Ende des Tunnels. Und besonders etwas war für den erzkonservativen Ratzinger, als Verfechter der einzig gültigen Lehre, die es mit allen Mitteln zu erhalten und demnach zu verteidigen gilt, wichtig, nämlich dass diese Gemeinschaften eine absolute Papsttreue, ein absolutes Verfechten der Linie, der Intentionen der Päpste garantieren sollen.

 

Einer der schlimmsten offiziellen Vertreter ist in diesem Zusammenhang der im Herzen der katholischen Kirche bestbekannte Marcial Maciel Degollado, der Gründer der „Legionäre Christi“, der darüber hinaus als einer der ganz großen charismatischen Helden der konservativen katholischen Erneuerungsbewegung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil galt – und dessen Namen man von Seiten der Catholica im Sinne des Systems Ratzinger heuer tunlichst ignoriert. Wer kennt den Mann eigentlich in Europa überhaupt? In Mexiko hatte er Zugang zu den Mächtigen des Staates. In Rom waren ihm alle gewogen – sogar der Papst. Die Kongregation der Legionäre Christi war damals eine Gemeinschaft von Priestern und Laienbrüdern, die im Geist einer strengen, quasi militärischen Disziplin lebten und hauptsächlich im Bildungsbereich sowie in der Seelsorge für Kinder, Jugendliche und Familien tätig waren. Um das Jahr 1960 kam eine weitere Gemeinschaft hinzu, die Laienbewegung „Regnum Christi“, Königreich Christi, die in der „Spiritualität“ ebendieser Legionäre Christi lebte und auch ihrer Leitung unterstand. Beide Gemeinschaften waren eine Einheit und arbeiteten unter der Führung Maciels eng zusammen. Doch Marcial Maciel Degollado führte ein Doppelleben. Er, der sich als Priester von Gott „zu Besonderem“ berufen fühlte, missbrauchte jahrelang Kinder. Seit den vierziger Jahren, so die Frankfurter Allgemeine in einem detaillierten Artikel zur Person, hatte sich Maciel (Zitat) „wöchentlich, wenn nicht täglich, an Kindern, Heranwachsenden oder seinen Legionären vergangen.“ In den siebziger Jahren verlegte er sich auf Frauen und wurde Vater. Im Alter von 56 Jahren ging er unter Vorspiegelung einer falschen Identität mit einer neunzehn Jahre jungen Mexikanerin eine Liaison ein. Er adoptierte deren Erstgeborenen und zeugte mit ihr zwei Söhne. Zehn Jahre später gründete Maciel mit einer zweiten Frau eine zweite Familie. Aus ihr ging eine Tochter hervor. Nur eines seiner vier Kinder missbrauchte er nach Angaben seiner Frauen nicht. Seine Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ (sowie das Regnum Christi) bestehen bis heute. Alle Bilder des Ordensgründers wurden vor einigen Jahren aus den Häusern der Legionäre entfernt. So hat dieser Orden förmlich keinen Gründer mehr oder einen solchen, über den die Mitglieder in der Öffentlichkeit absolut schweigen. Weshalb wurde eine Frage übrigens nie ausführlich aufgearbeitet: Warum braucht der Vatikan einen solchen Orden? Wer hat im Vatikan und anderswo (materielles, persönliches, politisches) Interesse daran, dass dieser Orden mit dem verheirateten und noch stärker pädophil aktiven Gründer Pater Marcial Maciel heute noch besteht? Ist es nur das viele Geld, das diese Gemeinschaft – eine Bewegung, die, so Maciel wörtlich, „eine Armee im Dienste des Reiches Gottes“ darstellen soll –  ­­ noch heute hat („die Millionarios Cristi“) ?

 

Ob unter dem Eindruck einer letzten Belobigung Maciels durch den todkranken Papst oder wegen der Ahnung, als mutmaßlicher Nachfolger Johannes Pauls II. ein hochexplosives Erbe anzutreten – im Frühjahr 2005 setzte Ratzinger seinen für Missbrauchsfälle zuständigen Chefermittler Charles Scicluna auf Maciel an. Anfang April 2005 vernahm Scicluna in New York und in Mexiko die ersten Zeugen. Maciel, mittlerweile 84 Jahre alt, legte die Leitung der Kongregation mit einem Mal in die Hände jüngerer Legionäre. Er starb im Januar 2008. Seine drei letzten Lebensjahre hatte der oberste Legionär offiziell so verbracht, wie es Papst Benedikt von ihm verlangt hatte: Er führte ein Leben des Gebetes und der Buße, ohne öffentlich aufzutreten. Mit dem Einverständnis des Papstes hatte man es vorgezogen, ihm keinen förmlichen Prozess zu machen, geschweige denn, ihn vor aller Welt für exkommuniziert zu erklären oder ihn aus dem Klerikerstand zu entlassen. Als es in Florida ans Sterben ging, zeigte „Nuestro Padre“ keine Reue. Er wollte auch nicht mehr beichten.

 

Kann die Wahrheit retten? Ratzinger wusste sehr wohl, wie verbreitet sexueller Missbrauch im katholischen Klerus war…und immer noch ist?

 

Frank Bertemes

 

 

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