Frank Bertemes: FAIRO

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Image par Gerd Altmann de Pixabay

 

Trotz des heiligen Versprechens der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz der Rufe der Millionen: „Nie wieder Krieg!“, entgegen all den Hoffnungen auf eine schöne Zukunft, muss ich sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich es, heute zu behaupten, dass es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen.“

Johann Silvio Gesell (1862 – 1930) in einem offenen Brief in einer Berliner Zeitung im Jahre 1918

Wenn man sich in persönlicher Bescheidenheit mit der generellen Frage einer gerechteren Welt beschäftigt, kommt man am Thema Geld und Ökonomie nicht vorbei. Interessant in diesem Kontext einer besseren, gerechteren und friedlicheren Ökonomie ist besonders ein Mann, der als Sozialreformer historisch als Vordenker einer gerechteren Welt gilt: Johann Silvio Gesell, dessen Todestag sich heuer im Monat März zum neunzigsten Mal jährt.

 

Silvio Gesell war ein sozialer Wegbahner von größtem geistigen Wuchs; der Spott der Börsenpraktiker und das Gelächter der Marxisten können seine Bedeutung als Vorkämpfer gerechter und freiheitlicher Gesellschaftsgattung nicht mindern. Der Weg der Menschheit zur anständigen Gemeinschaft wird mit mancher Fuhre Erde aus dem Garten Silvio Gesells gestampft sein.”  (aus einem Nachruf Erich Mühsams zum Tode Gesells im März 1930)

Womit schon einmal klar wäre, dass Silvio Gesell, mit dessen Ideen zu seinem Modell der Freiwirtschaft sich in den letzten Jahren weltweit Chefökonomen wieder verstärkt beschäftigen, den Weg des „weder Kapitalismus, noch Kommunismus“ (so eine Dissertation über eben dieses Thema Gesells eines Wiener Professors für Wirtschaftsgeschichte) als hochintelligenter Autodidakt der Wirtschaftswissenschaften suchte. Sein Konzept eines stabileren Welthandels nannte er eben Freiwirtschaft, basierend auf Freiland, Freigeld und Freihandel – dazu mehr weiter unten im Text. Gesell ging es wesentlich immer um Verteilungsgerechtigkeit. Als junger Mann galt seine Sympathie der Arbeiterbewegung, obwohl er als Geschäftsmann, der in das damals wohl reichste Land der Erde, nämlich nach Argentinien auswanderte und mit dem Verkauf von medizinischen sowie Hygieneartikeln sehr erfolgreich war.  Doch gerade in diesem Land erlebte er im Jahre 1887 den Anfang einer der schwersten Wirtschaftskrisen aller Zeiten und diese Situation erweckte Gesells Interesse an dem, was er dort live erlebt hat. Argentiniens Geldpolitik der massiven Erhöhung der Geldmenge durch die Banken führte zu inflationären Schüben, die Firmenpleiten und Massenarbeitslosigkeit nach sich zogen und in der Folge zu dramatischen sozialen Unruhen führten. So kam der damalige Geschäftsmann, der selbst den drohenden Bankrott vermeiden wollte, zum Nachdenken über die Ursachen der sozialen Frage und über Wirtschaftskrisen, die er in Aufsätzen und Broschüren festhielt.

 

Zusammengefasst kann man unter Gesells heuer wieder aktuellen Theorien folgendes verstehen:  Unter Freiland wird in der Freiwirtschaft der friedlich in öffentliches Eigentum überführte Boden verstanden – sehr aktuelles Thema im Kontext unserer hierzuländchen immer dramatischeren Wohnraumkrise – Grund und Boden sind knapp und haben sich (bekanntlich) enorm verteuert. Die Nutzung des Freilandes bleibt jedoch gegen Zahlung einer Pacht in privater oder genossenschaftlicher Regie. Aus der Pacht sollen zunächst die ehemaligen Eigentümer angemessen entschädigt werden. Ist das geschehen, fließt die Pacht – gewissermaßen als abgeschöpfte Bodenrente – der Allgemeinheit zu. Die Umsetzung der Idee des Freilandes ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung der Idee des Freigeldes, meint eines Zahlungsmittels, das (wie die Ware) einem Wertverfall unterworfen ist und damit unter Umlaufzwang steht. Der Besitzer von Freigeld kann jedoch der Entwertung entgehen, wenn er die Hortung des Zahlungsmittels vermeidet, es also entweder gegen Ware eintauscht, verleiht oder auf einem Bankkonto (längerfristig) festlegt. Man bezeichnet das Freigeld, das nach Auffassung Gesells zu sinkenden Zinsen, eventuell sogar zu Negativzinsen (aktuelles Thema!) und im Endeffekt zu einem Nullzinsniveau führt, auch als rostende Banknoten, Fließendes Geld oder Schwundgeld. Freiwirtschaftliche Geldexperimente, auf die sich auch die modernen Komplementärwährungen berufen, fanden Ende der 1920er / Anfang der 1930er Jahre in Deutschland, Österreich und in den Vereinigten Staaten statt. Auch gab es eine Reihe von Versuchen, die Gesellschen Freiland-Ideen umzusetzen. Träger dieser Experimente waren vor allem verschiedene genossenschaftlich organisierte Siedlungsprojekte. Gesell überlegte sich also, wie ein Geldwesen aussehen kann, was berechenbarer ist und eine gewisse Stabilität garantiert. Sein Freiwirtschaftskonzept des Freigeldes sollte anstelle einer Zentralbank allerdings von einem Währungsamt gesteuert werden, das die Geldmenge überwacht und reguliert.

 

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts findet seine „Natürliche Wirtschaftsordnung“ neue Aufmerksamkeit. Gründe dafür sind unter anderem die Entstehung von Regionalwährungen, die Weltwirtschaftskrise ab 2008, die Eurokrise ab 2010 sowie die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, der Zentralbank des Euroraums – ein hochaktuelles Thema. Bis heute gab es immer wieder Versuche, Ideen von Gesell in die Tat umzusetzen. In dem Sinne aktuell ist die im Titel angedeutete und auf dem Freigeld-Gedanken basierende Einführung einer überregionalen, digitalen Währung, dem Fairo. Den Fairo in der jetzigen Form gibt es seit drei Jahren und wurde von einem Berliner Verein eingeführt. Es handelt sich um ein paralleles Geld, so wie man sich einen Staat mit der eigenen Zentralbank vorstellen würde.  – Ach – haben wir nicht auch eine Zentralbank und gibt es nicht auch eine Europäische Zentralbank, die trotz Nullzinspolitik bitte sehr was und für wen veranstalten? Agieren die im Sinne der EU-Bürger? Das mag man sich, in diesem Kontext nur nebenbei bemerkt, in der Naivität des (EU-) „Dummbürgers“ so fragen…– Oder auch (statt einer Zentralbank) einer (staatlich organisierten) Geschäftsbank, die eben nicht Euros, sondern eigenes Geld schöpft und es anders nennen würde, so Leo Wonneberger, Berliner Diplomökonom und einer der Gründer des Fairo, der betont, dass Geld immer Politik ist und man den Fairo ganz klar als Denkanstoß, also als Bildungsprojekt sieht.

 

Wäre diese Alternative in Sachen fairer Geldpolitik im Gesamtpackage der in diesem Text visierten Theorie Gesells nicht eine besondere Aufgabe für die Sozialdemokratie, die eben und im Sinne Gesells nach dem oben im Text angedachten „dritten Weg“ sucht?

John Maynard Keynes kam übrigens in seinem 1936 erschienenen Hauptwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (General Theory of Employment, Interest and Money)“ zu folgender Einschätzung der Gesellschen Lehre: „Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.“

Oder doch …von beiden?

Egal wie, zitieren wir Gesell abschließend noch einmal:

„Immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat. Reichtum und Armut gehören nicht in einen geordneten Staat!“

Eben…

Frank Bertemes

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